Predigtmeditation am 1. Advent

Meditation zu Matthäus 21, 1-11 (Einzug nach Jerusalem) und dem Lied EG 1 "Macht hoch die Tür"

(eingestellt am 1. Dezember 2020)


Macht hoch die Tür, ...

Foto: Birgit@pixelio.de

Ich liebe das Lied Nummer eins im evangelischen Gesangbuch: „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.“ Ich empfinde eine Vorfreude, auf Weihnachten hin. Gott soll mit sperrangelweit geöffneten Türen willkommen geheißen werden. Das Lied „Macht hoch die Tür“ scheint einen direkten Bezug zu unserem Predigttext zu haben. Wir können uns die Menschenmenge vorstellen, die den Mann Jesus mit Hosiannarufen willkommen geheißen hatte. In dem Jubelruf Hosianna steckt die hebräische Wortbedeutung: „Hilf doch“. Die Menschen erwarteten in Jesus diesen Helfer. Jesus ritt damals auf einem Esel durch ein Tor zum Tempel Gottes. Wer schon einmal in der Heiligen Stadt Jerusalem war, der weiß von den ortsansässigen Guides ganz genau, wo Jesus auf dem Esel nach Jerusalem hinein geritten sein soll. Es ist das heutige Goldene Tor an der Ostseite der Stadt, dem Ölberg zugewandt.

Schaut man von einem anderen Hügel aus auf die Stadt, dann erscheint das Tor heute wie zugemauert, verschlossen, undurchdringlich. Es hat keine Funktion mehr oder allenfalls die, eine Sehnsucht und Erwartung auszudrücken. Vielleicht eine Hoffnung auf Durchbruch?

Es gibt jüdische Traditionen, die besagen, dass Gottes Herrlichkeit wieder in die Heilige Stadt zurückkehren wird, wie sie einst im jüdischen Tempel anwesend war, vor dessen Zerstörung.

Im frühen Islam bekam das Tor den Namen „Tor des Erbarmens“ Mit dem Tor ist die Hoffnung auf Abkehr von den Sünden verbunden.

Drei Religionen kommen also zu diesem Tor mit ihren eigenen Sehnsüchten und Hoffnungen. Wir wissen jedoch auch um die Unversöhnlichkeit zwischen den Glaubenden aus den drei Religionen. Die Notwendigkeit zur Umkehr und zu einer Öffnung der verschlossenen Türen zwischen den Religionen wird uns schmerzlich bewusst. Unsere Adventsfreude gerät ins Stocken.

Das wird besonders deutlich, wenn wir uns daran erinnern lassen, was mit dem einst umjubelten Jesus passierte, nachdem er als Hoffnungsträger durch das Tor hindurchgeritten war. Der Einzug nach Jerusalem markierte die erste Station auf seinem Weg des Leidens und des Sterbens. Seinem Weg hin zum Kreuz. Unsere Erzählung für den ersten Advent gehört ebenso zum Palmsonntag – nach dem bekanntlich die Karwoche beginnt. Zu Recht fragen wir irritiert mit den Worten des Bibeltextes und nach unserem anfänglichen Adventsjubel und dem Jubel der Hosianna schreienden Menschenmenge: „Wer ist dieser Jesus?“

 

Dieser Palmsonntagstext irritiert uns in unserer Vorweihnachtsseligkeit. Das ist nicht nur schlecht. Es ist auch eine heilsame Irritation. Denn: es gibt keine glatte Hoffnung. Die Adventszeit war und ist auch noch nie idyllisch gewesen. Kirchlich gesehen ist sie eine Zeit der Buße und der Besinnung.

Mit bangem Blick schauen wir auch schon länger auf diese so besondere Adventszeit 2020. Keine Treffen in größerer familiärer Runde, keine berauschenden Adventsmärkte in diesem Jahr, keine spaßigen Adventsfeiern.
Und wie wird es erst weitergehen? Werden wir womöglich alle ein recht einsames Weihnachtsfest verbringen müssen?

Schon jetzt kann einem die Zeit lange werden. Ich finde, diese längere Krisenzeit, in der wir uns befinden, zermürbt langsam. Unser menschliches Leben mit seinen ganzen Facetten und seiner Brüchigkeit, unserer Verletzlichkeit, unseren Abhängigkeiten, wird uns in diesem Jahr besonders bewusst. Hinter unserem fast schon kindlichen Verlangen nach heiler Welt, gerade im Advent und zu Weihnachten merken wir: es geht langsam an die Substanz.
Die Lebendigkeit ist gedämpft. Der Radius eingeschränkt.

Zuletzt sagte mal jemand, dass man richtige Sehnsucht nach einem Urlaub in einem der Mittelgebirge bekomme. Verschlossene Tore, eingeschränkte Möglichkeiten, mangelnde tolerante Weitsicht, Verschlossenheit gegenüber vernünftigen Argumenten, gibt es zu alledem noch in anderer Hinsicht: In Gestalt von Gesprächsabbrüchen, die sich quer durch Familien und Freundschaften ziehen.

Zugemauerte Tore erleben wir auch im Politischen. In überhitzter Debatte oder im kompletten Unverständnis zwischen den Lagern, wie die derzeitige Krise zu bewältigen ist. Im Heiligen Land ist immer noch keine Befriedung zwischen Palästinensern und Israelis in Sicht. Machthaber dieser Welt machen dicht. Verschließen Wahrnehmung und Verstand. Und bedrohen damit den durchlässigen und vernünftigen Diskurs, den besonders unsere Demokratien nötig haben. Schließlich sind die vermauerten Tore religiöser Gleichgültigkeit zu nennen, die den Adventskranz und den Weihnachtsbaum allenfalls als schmückendes Beiwerk gelten lassen. Dieser zunehmenden Gleichgültigkeit ist die Frage nach Gottes Kommen in die Welt vollkommen abhanden gekommen.

Umso eindringlicher stellt sich die Frage: „Wer ist dieser Jesus?“ Dieser sanftmütige und barmherzige Heiland will doch gerade auch die Not dieser Tage lindern. Er garantiert uns „Lust und Freud`, Heil und Leben“ (EG 1), wenn wir ihm nur die Herzenstüren öffnen. Er ritt damals sehenden Auges durch das Tor hindurch. Hinein in eine sehr prekäre Lage. Er gibt das eigene Leben daran, damit die verschlossenen Tore dieser Welt nicht endgültig vermauert bleiben. Das Goldene Tor in Jerusalem ist ein ganz starkes Bild dafür, dass Gott schon einmal durch die Tore dieser Welt „hindurchgeritten“ ist, längst bevor Menschen sie zugemauert haben. Damit hat Gott seine Gnade auch an mir und dir gezeigt.

Mit diesem Gott in mir kann ich auch an zugemauerten Toren anklopfen. Ich kann selbst über Mauern springen. Ich kann der Hoffnung in mir Raum geben, dass auch verschlossene Türen nicht ewig zu bleiben müssen.
Advent 2020 wird so zu einer Zeit, sich auch einmal auf Adventserlebnisse jenseits der üblichen Massenvergnügungen und eher auf den kleinen Wegen einzulassen, um so unserer Hoffnung Raum zu geben. Aufmerksam zu sein für Türen und Tore, die sich unverhofft öffnen. Es gibt doch diese kleinen Türöffnungen: Eine gesprächsoffene Großzügigkeit, die Austausch zulässt, wo zuvor nichts mehr möglich schien. Kleinere Treffen im Freundes- und Bekanntenkreis, jenseits des lauten Adventsmarktrummel, wo tiefe und lebendige Gespräche viel leichter möglich sind. Lange Spaziergänge im erwartungsfrohen Wald, um in der Natur wieder die Stärke und Kräfte in uns selbst zu spüren. Oder auch zu merken, was uns unsere Sehnsucht sagt, um dann vielleicht dem Lebensweg nochmals eine andere Richtung zu geben.

Carmen Schneider

Pfarrerin der Evangelischen Auferstehungsgemeinde Kriftel

„Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit“ – das wünsche ich uns und unserer Gesellschaft für den Advent 2020.

Amen

Eine gesegnete Zeit durch den Advent,
Pfarrerin Carmen Schneider

 


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