Predigt zum Sonntag Okuli

von Pfarrerin Carmen Schneider

(eingestellt am 8. März 2021)

Epheserbrief 5, 1-2; 8-9

1 So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder
2 und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch.
8 Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts;
9 die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.


Liebe Schwestern und Brüder,


Carmen Schneider

Pfarrerin der Evangelischen Auferstehungsgemeinde Kriftel

heute morgen liegen schon einige Entscheidungen hinter uns: Aufstehen oder doch lieber noch liegen bleiben?Kaffee oder Tee? Brötchen holen oder Brot essen? Was ziehe ich an?

Hier in der Kirche: In welche Reihe setze ich mich? Rechts oder links hin? Und jetzt bei der Predigt: Zuhören? Oder lieber die Gedanken schweifen lassen und ein bisschen entspannen?

Vielleicht pflegen Sie aber auch mehr Ihre Rituale und müssen dann gar nicht mehr so viel jeden Morgen neu entscheiden. Weil Sie immer Kaffee trinken, sich die Kleider abends schon rauslegen. Oder weil sie in der Kirche immer rechts in der Mitte sitzen. Vielen Menschen fällt es schwer, sich zu entscheiden. Das gilt allerdings dann doch eher für die etwas schwerwiegenderen Lebensentscheidungen.

Unser Predigttext scheint uns eine ganz exakte und eindeutige Linie vorzugeben: Die Entscheidung zwischen Licht und Finsternis. Richtig und falsch. Vorher und nachher.

 


"Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn.“ (Vers 8)

Wovon der Briefschreiber seiner Gemeinde und uns in seinen Beispielen dringend abrät, ist auch schnell genannt: Unzucht, Unreinheit, Habgier, Sittenlosigkeit, albernes oder zweideutiges Geschwätz, sich von leeren Worte täuschen zu lassen. Das alles gehört zur Finsternis. Dagegen sollen wir uns entscheiden. Dafür sollen sie sich diejenigen entscheiden, die zum Lichtbereich gehören: Dankbarkeit, Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Damit ist alles klar - oder?

Sind Moralkataloge hilfreich bei Entscheidungen?


Die Christen zur Zeit des Epheserbriefs befanden sich in einer schwierigen Lage. Die „Hoch-Zeit“ der Gemeinde zu Lebzeiten des Apostels Paulus ist vorbei. Die christlichen Familien werden inzwischen auf dem Markt oder bei der Arbeit benachteiligt. Wie sollen sie sich verhalten? Sollen sie dem Glauben absagen und sich an den Zeitgeist anpassen? Sie sehnen sich nach klaren Vorgaben. Die bekommen sie auch. Wir wissen nicht, wie hilfreich sie den Menschen damals waren.

Offensichtlich hat sich etwa 1921 Jahre nach Abfassung des Epheserbriefes die Welt jedoch nicht gerade mehr in Richtung „Licht“ hinbewegt, obwohl die Entscheidungen in dem Moralkatalog doch klar vorgegeben sind. Schlimmer noch: es haben sich Teile der Amtskirche und der kirchlichen Würdenträger selbst nicht an die offen da liegenden Verhaltensregeln gehalten; sondern haben das in sie gesetzte Vertrauen sogar missbraucht. Wer Menschen über Jahrhunderte nur eine strenge Moral predigt und sich selbst in wichtigen Punkten nicht daran hält, verliert massiv an Glaubwürdigkeit. Die Folge erleben wir derzeit als eine Abstimmung mit den Füßen. Menschen wenden sich ab, treten aus: Nicht nur in der katholischen, sondern auch in der evangelischen Kirche. Das tut gläubigen Christen beider Konfessionen richtig weh. Ich schließe daraus auch, dass es mit der Ansage und dem Einhalten von dem, was richtig und falsch ist, nicht ganz so einfach ist.

Was unterstützt mich bei Lebensentscheidungen?


Spannender als all diese punktgenauen Warnungen und Empfehlungen ist doch vielmehr die Frage: Wie begründet der Schreiber den Maßstab für mein Leben als Christin oder Christ? Was unterstützt mich bei meinen Entscheidungen, was besser oder schlechter, was dem Leben dienlicher ist oder es eher zerstört?

Dazu habe ich im Text vier Annäherungen gefunden:

1. Antwort: So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder


Dazu müsste ich zunächst wissen, wie Gott ist, um ihn oder sie nachahmen zu können. Die Bibel im Alten und Neuen Testament gibt uns Möglichkeiten zum Verständnis. In dem Psalmen gibt es Bilder, die von Gott als einem guten Vater oder einer guten Mutter reden. Oder einem Hirten, der uns beschützt. In der Exodustradition ist Gott einer, der die Menschen aus Unmündigkeit und Unfreiheit in ein freies Leben begleitet. Jesus Christus bringt uns seinen Vater im Himmel als einen liebevollen „Papa“ nahe, zu dem wir mit allem kommen dürfen. Selbst wenn wir in unserer Beziehung zu unseren leiblichen Eltern anderes erfahren haben sollten: Gott schätzt uns wert als geliebten Sohn und als geliebte Tochter. An dieser Liebe dürfen wir uns orientieren und sie nachahmen. Geht es noch etwas handfester? Das führt uns zur 2. Antwort…

2. Antwort: Christus hat uns geliebt und sich für uns dahin gegeben


Gott bleibt nicht abstrakt im Himmel. Er zeigt sich uns in seinem Sohn Jesus Christus auf der Erde. Es ist keine „huldvolle“ Liebe von oben herab, sondern eine Liebe, die aufs Ganze geht und bedingungslos ist. Es ist eine engagierte Liebe. Es ist eine Liebe, die alles einsetzt. Es ist die Hinwendung eines bedingungslos liebenden Vaters an seine Menschenkinder. Jesus gibt sich für uns hin, um uns das Reich Gottes zu öffnen.

3. Antwort: Das Reich Gottes


Das Reich Gottes gibt uns die Zielrichtung unseres Lebens vor. Was und wer passt in Gottes Reich der Liebe: für „unzüchtig, schamlos und habgierig“ ist dort kein Platz. Vermutlich hat der Verfasser des Briefes Beispiele aufgezählt, die ihm damals als widersinnig aufgefallen sind. Leider kam dann die Kirche, die daraus starre Lasterkataloge gemacht hat. Um sie dazu als Machtinstrument zu benutzen, um Menschen klein zu halten. Ganz schwierig wird es dann nur, wenn die Doppeloral irgendwann nicht mehr zu übersehen ist: Wasser predigen und Wein trinken. Anstelle die Menschen klein und unmündig zu halten, ist es geeigneter, die positiven Beispiele nehmen, um den Menschen die Vision vor Augen zu malen, was das Reich Gottes in seinem Kern ausmacht: Dankbarkeit, Güte, Gerechtigkeit, Wahrheit. In solch ein Reich möchte doch jeder hineinwachsen, der nicht ganz abgestumpft ist. Danach verspüren die meisten doch eine Sehnsucht. Was ich möchte, sollte ich dann auch bereit sein zu geben.

4. Antwort: Lebt als Kinder des Lichts


Solch ein Leben im Miteinander kann gelingen, weil Gott uns das zutraut. Denn genau das Vertrauen Gottes in uns ist uns bei unserer Taufe zugesprochen.
Jesus Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt, wer mit nachfolgt, soll nicht wandeln in der Finsternis, sondern das Licht des Lebens haben.
Wenn in einen ganz dunklen Raum nur ein klein wenig Licht hineinfällt, dann reicht das schon aus, dass der Raum nicht mehr völlig finster ist. Unsere Taufe lässt uns zu solch einer Lichtquelle werden.
Es um uns hell zu machen, es strahlen zu lassen, ist unsere Aufgabe in unserem Leben.


Eine enttäuschende Predigt! Sie haben keine Liste von mir bekommen, was gut und falsch ist. Keinen schlauen Rat, wofür oder wogegen Sie sich entscheiden sollen. Letzten Endes ist das jedoch der bessere Weg. Die Menschen in Verantwortung zu nehmen und ihnen die Mündigkeit eines erwachsen gewordenen Kind Gottes zuzutrauen. Genau dafür werdet ihr Konfirmanden euch bei eurer Konfirmation entscheiden: den eingeschlagenen Weg Gottes mit euch weiter gehen zu wollen. Euer Licht strahlen zu lassen in der Welt.

Der Epheserbrief gibt uns allen dazu Orientierungshilfen: Ahmt Gottes Vorbild nach als seine geliebten Kinder! Schaut auf Christi Hingabe. Nehmt euch als Bild das Reich Gottes - orientiert euch daran und nicht an der gegenwärtigen Welt. Und lebe das, was dir in der Taufe zugesagt wird: Du bist ein Kind des Lichts.

Amen


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