Predigt zum Sonntag Lätare

von Pfarrerin Carmen Schneider

(eingestellt am 14. März 2021)

Johannes 12, 20-24

20 Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest.
21 Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen.
22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen's Jesus.
23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde.
24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.


Abgewiesen werden


Carmen Schneider

Pfarrerin der Evangelischen Auferstehungsgemeinde Kriftel

Da wird ein Termin bei einem Facharzt notwendig. Nach vielen Versuchen erreiche ich eine freundliche Mitarbeiterin. Sie sagt mir: Tut mir leid, der Arzt ist auf Monate hin ausgebucht. Ich werde mit der eigenen Besorgnis zunächst allein gelassen. Oder zuletzt im Bekanntenkreis. Die Ehefrau eines Mannes starb relativ jung an Krebs. In seiner Verzweiflung suchte der Mann Trost im Gebet. Er wollte dazu die Ruhe einer Kirche aufsuchen. Die Tür seiner evangelischen Kirche war verschlossen. Ich erschrak im ersten Moment. Das fand zwar nicht hier in Kriftel statt, wäre ihm wochentags in der Auferstehungskirche jedoch auch passiert. Wir haben über eine solche Öffnung im Kirchenvorstand schon nachgedacht. Uns aber aus ebenso guten Gründen nicht dazu entschließen können.

Die griechische Besuchergruppe damals wendet sich zunächst an die beiden einzigen Jünger Jesu, die griechische Vornamen tragen. Von ihnen erwarten sie wohl am ehesten Beachtung. Diese bitten sie: „Helft uns, wir wollen Jesus sehen“. Vermutlich waren es fromme Menschen, die nicht durch ihre Geburt, sondern aus Überzeugung zum Judentum gekommen sind. Die Jünger mit den griechischen Namen geben das Hilfegesuch auch an Jesus weiter. Die Antwort fällt jedoch anders aus als erwartet.

Jesus wendet sich stattdessen an seine Jünger: „Die Stunde ist gekommen, dass der Menschen Sohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht“. Diese Antwort scheint zunächst in keinem Zusammenhang mit dem Geschehen zuvor zu stehen. Bei näherem Hinschauen aber doch. Manchmal ist eben nicht die Zeit, die Bedürfnisse anderer vordergründig zu befriedigen, sondern den größeren Zusammenhang zu betrachten. Der nicht nur diese eine Besuchergruppe angeht, sondern alle, die von einer ähnlichen Sehnsucht getragen werden. Davor hatte Jesus den Toten Lazarus auferweckt. Da war er in seinen Heilungen auf der Erde präsent und zu erkennen. Das muss Zeichen genug sein. Inzwischen ist die Zeit gekommen, dass Jesus seinen Weg bis zum Kreuz zu gehen hat und in der Auferstehung vollenden wird.

 

Im Tod ist Leben


Das Wort Verherrlichung lässt uns jetzt schon an die Ereignisse von Ostern denken. Genauso wie die Bedeutung des heutigen Sonntags Lätare: „Freut euch“. Der Sonntag wird auch Klein-Ostern mitten in der Passionszeit genannt. So können wir mitten in der Passionszeit, in der es um das Leiden und den Tod von Jesus Christus geht, vom sinnerfüllten Leben reden. Jesus selbst benutzt ein Beispiel aus der Landwirtschaft.


"Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein;
wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.“
(Vers 24)

Das Weizenkorn wird in die dunkle und kalte Erde gelegt. Viele Monate später ist ein grüner Halm zu sehen und wiederum später wächst der Weizen. Von Ostern her betrachtet wissen wir, dass Gott seinen Sohn zu einem neuen, zu einem ewigen Leben auferweckt. Der Leidensweg Jesu führt durch den Tod zum Leben: Das ist die christliche Hoffnung in der Passionszeit.

Und die Gruppe neugieriger Griechen, die unbedingt einen Blick auf Jesus erhaschen wollte? Und die zunächst außen vor bleiben müssen?Der Ehemann der an Krebs verstorbenen Frau? Der vor einer verschlossenen Kirchentür steht? Und: Es dauert schon fast genau ein Jahr, seit wir in unserem Selbstverständnis von einer normalen Lebensführung vor den Kopf gestoßen werden. Wir können uns schon manchmal fragen: Wo ist da der Gott, der ein gutes Leben für uns will? Lässt er uns ebenso einfach außen vor stehen?

Der Evangelist Johannes nimmt uns mit in sein Verständnis von Leben und Tod. Er hebt den krassen Gegensatz von außen und innen, Tod und Leben auf. Er sagt, dass der Tod nicht der Feind des Lebens ist. Tod und Leben gehören zusammen. Das Bild vom Weizenkorn kann uns das deutlich machen. Für uns Menschen geht um das Festhalten und Loslassen können - zu seiner Zeit. Die Passionszeit bringt verschärft hervor, welche Haltung ich zum Leben und Tod habe. Klammere ich mich an eine Illusion von Normalität oder gewinne ich ein Gespür dafür, was im Leben wesentlich und wichtig ist? Und dass das Leben auf der Erde begrenzt ist?

Aus der Angst um einen geliebten Menschen, kenne ich doch auch das Kämpfen und Klammern um jedes Stück Leben und um jeden Tag zu leben. Und ich kenne auch den Moment, in dem ich merke: Ich kann zwar vieles für den geliebten Menschen tun, ich werde es aber nicht ändern können. Sie oder er wird sterben. Dann ist der Moment gekommen, loszulassen. Im Umgang mit Sterbenden und ihren Angehörigen gibt es sehr oft diesen Moment, in dem die Akzeptanz dessen, was unabänderlich ist, deutlich zu spüren ist. Es entsteht der Raum für Trauer und Liebe. Manchmal braucht es die Mitmenschen, wie Philippus und Andreas, die unsere Sprache kennen und zumindest versuchen, die Türen für uns zu öffnen. Oder den Mut, bei dem Pfarrer und der Pfarrerin zu klingeln und zu bitten, die Kirchentür für ein Gebet zu öffnen oder gleich gemeinsam zu reden und zu beten.

Und ebenso braucht es die Worte, die über das alles hinausgehen und uns an dem Geheimnis des Lebens teilhaben lassen. Werden und Vergehen, Leben und Sterben gehören zusammen. Ich darf meinen Frieden damit machen.
Was auch passiert: Jesus Christ hat uns den tiefen Schrecken davor genommen. Wir dürfen ein sinnerfülltes Leben bei Gott haben.

Lätare, freut euch, freue dich. In Jerusalem und auch hier in Kriftel.

Amen


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