Predigt zum Sonntag vor der Passionszeit

- Estomihi -
von Pfarrerin Carmen Schneider

(eingestellt am 15. Februar 2021)

Predigttext aus Jesaja 58, 1-9a:

1 Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden!
2 Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei.
3 »Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst's nicht wissen?« Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter.
4 Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll.
5 Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet?
Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?
6 Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg!
7 Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!
Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen.
9 Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich.


Liebe Schwestern und Brüder,


Carmen Schneider

Pfarrerin der Evangelischen Auferstehungsgemeinde Kriftel

der Bibeltext trifft uns heute ins Mark: „Verkünde den Menschen ihre Abtrünnigkeit. Soll das (etwa) ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe…?“ Es regt sich in mir gerade ein größeres Unbehagen, über weiteres Verzichten, Fasten oder karge Zeiten auch nur nachzudenken. Im Bibeltext deuten die Menschen ihre damalige Krise als ein gestörtes Verhältnis zu Gott. Ich denke keineswegs, dass Gott uns diese Zeit geschickt hat, um jetzt solch einen Verzicht zu üben. Schon vor der Fastenzeit, die offiziell am kommenden Aschermittwoch beginnt, üben wir uns alle doch schon viel zu lange in einem Fasten der ganz besonderen Art. Besonders schwer fällt mir das „Menschenfasten“. Als geselliger und kontaktfreudiger Mensch, finde ich es zunehmend härter, sich nur mit wenigen Einzelnen überhaupt einmal treffen zu dürfen.

Als ich vergangenen Samstag die Sofafastnacht des KKK vom heimischen Fernseher aus gesehen habe, fand ich die Bilder berührend. Ich habe dann daran gedacht, wie unbeschwert wir noch im letzten Jahr in der Schwarzbachhalle zusammen gefeiert haben. Das sind Erfahrungen, die noch vor einem Jahr ganz selbstverständlich erschienen. Von heute aus betrachtet, muten sie wie Bilder aus vergangenen Zeiten an. Bange schaue ich auch in die Zukunft unserer Gesellschaft und frage mich, welche Bugwelle an Entbehrungen wir noch vor uns haben, bedingt durch Geschäftsinsolvenzen oder eine vermutete Blase auf dem Immobilienmarkt. Wenn ich an unsere kommenden großen Gottesdienste denke, in denen wir normalerweise unsere Gemeinschaft feiern, wie die Abendmahle an Karfreitag und Ostern oder die Konfirmationen, wird mir noch ganz anders. Gott schickt uns diese Krise nicht! Aber sie ist und bleibt eine Herausforderung. Dieser können wir uns auch so stellen, indem wir aus ihr lernen.

 

Die Lahmen und Fußkranken werden auch nicht zurückgelassen ...


Die Menschen zur Zeit des Propheten Jesajas waren ebenfalls in einer krisenhaften Zeit des Umbruchs. Der Tempel in Jerusalem war zerstört. Die Oberschicht ins Exil nach Babylon verschleppt worden. Nach deren Rückkehr in die alte Heimat blieb die Frage offen: Wie können sich die Menschen künftig sicher sein, dass ihr Gott ihnen Schutz und Begleitung zusichert? Regelmäßige Fastentage wurden ausgerufen. Diese sollten das gestörte Verhältnis zwischen Gott und Menschen wieder auf eine neue Grundlage stellen. Aber das Gespür für Gottes Nähe blieb offenbar aus.

In dieser Situation tritt der Prophet Jesaja auf. Er kritisierte, dass sich die damalige Gesellschaft aufgespalten hat in diejenigen, die sich solche Fastentage leisten konnten. Und andere, die für die Reichen an deren Fastentagen arbeiten mussten. Das Einüben von Recht und Gerechtigkeit sieht anders aus, so Jesaja. Der Prophet möchte, dass ein Fasten und das Üben von Gerechtigkeit aufeinander bezogen werden. Ansonsten wirkt Fasten eher wie eine Inszenierung, um Gott gefügig machen zu wollen. Seine Kritik richtet sich an die Oberschicht Israels, die ihre besondere Stellung ausnutzt. Und die verarmte Unterschicht zum Teil als Schuldsklaven für sich arbeiten lässt.
Jesaja ist von einer Vision bewegt, dass alle zum Ziel der Heilung kommen. Er beschreibt das in einem schönen Bild: Gott folgt dem Zug wie der Wagen, der die Lahmen und Fußkranken auch noch aufliest. Jesaja wird in seiner Vorstellung, wie das geschehen soll, sehr konkret: „Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“

Glauben und Handeln


In der Politik und auch im Kirchenvorstand werden wir genau überlegen müssen, wie wir solche Ziele für unsere Aufgaben und unser Handeln konkret umsetzen. Jeder einzelne Christ wird ebenso überlegen müssen, aus welcher Lebenshaltung er fortan das eigene Leben gestalten möchte.

Um was geht es also? Für mich steckt die Frage dahinter, wie wir uns heute den Herausforderungen unserer Zeit stellen und dabei den Menschen in ihren verschiedenen Bedürfnissen gerecht werden. Gerade die Coronakrise hat uns doch gezeigt, wie sehr wir von Tänzen um „goldene Kälber“ getrieben waren. Und dass uns jetzt, wo alles auf ein Minimum beschränkt ist, besonders die Liebe und Nähe untereinander, die zwischenmenschliche Solidarität und der Zusammenhalt so unendlich wertvoll sind. Es ist schließlich auch die Frage nach dem, was uns im Kern ausmacht. Es ist die Frage nach Gott und seiner Menschwerdung. Wie gestalten wir Leben aus dieser Beziehung mit Gott? Gott in der Mitte spüren heißt auch, in Einklang zu kommen mit dem eigenen Denken, Fühlen und Handeln. Den garstigen Graben der Zerrissenheit überwinden. Ein Satz aus dem Predigttext hallt dabei besonders in mir nach: „Entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!“ Das ist ein merkwürdiger und doch ein wertvoller Satz.

Das ist Evangelium pur gegen die Einsamkeit dieser herausfordernden Zeit. Entziehe Dich nicht denen, die Du glücklich machen kannst. Leben heißt, das Geschenk des Lebens, was Gott uns macht, an andere weiter zu verschenken. „Geben und Nehmen“ - das ist biblische Medizin gegen den derzeitigen Blues. Es ist die gute Erfahrung, zu der eigenen Mitte, zum Mitmenschen - zu Gott - zurückzufinden im Getriebe der Zeiten. Im Text heißt es dazu: „Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. Wenn du schreist, wird er sagen: Siehe, hier bin ich“.

Im Schwedischen heißt der heutige Tag, der 14. Februar: Allerherzenstag. Das passt auch gut zum Thema.

Amen


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