Predigt zum Palmsonntag

von Pfarrerin Carmen Schneider

(eingestellt am 28. März 2021)

Liebe Schwestern und Brüder,


Carmen Schneider

Pfarrerin der Evangelischen Auferstehungsgemeinde Kriftel

das Wandern erlebt bei uns gerade einen Boom. Auch in Ermangelung anderer Tätigkeiten zu Corona. Die nahen Taunuswälder laden uns regelrecht zum Besuch ein. Wenn Sie gut bei Fuß sind: Haben Sie die Wispertrails schon entdeckt? Die Wisper ist ein Flüsschen, das bei Lorch in den Rhein mündet. Die prämierten Wanderwege um diesen Fluss sind schon längst kein Geheimtipp mehr. Die schmucken Dörfer, die gewundenen Pfade in die Täler und auf die Höhen, die weiten Blicke über das Land, all das lädt zu zünftigen Wanderungen ein. Zu solch einer langen Tour gehören Wanderschuhe für die gute Trittsicherheit, die dem Wetter angepasste Kleidung und natürlich der Proviant: Essen und genügend Wasser. Die Wegführung auf den Pfaden gibt einem manchmal Rätsel auf. Ich habe festgestellt, dass sich der richtige Weg in guter Begleitung sicherer und auch fröhlicher finden lässt.

Üblicherweise ist an Palmsonntag Jesu Einzug nach Jerusalem das Thema. Diesen Text haben wir in der Lesung gehört. Jesu Einzug ist in gewisser Weise auch eine durch einen Esel unterstützte Wanderung. Im Predigttext für heute bekommen wir jedoch den Auftrag, uns in eine Gemeinschaft von vielen Wandernden einzureihen. Es ist eine Weggemeinschaft von Glaubenden durch alle Zeiten hindurch. Wie bei anderen Wanderungen auch, ist es gut den Anfang und das Ziel zu kennen. Jesus Christus ist Urgrund und Ziel der Wanderung, zu der wir hier eingeladen sind.

 

Hebräer 11, 1-2 ; 8-12 ; 39-40 ; 12, 1-3


Hebräer 11
1
Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.
2 In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen.
8 Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, an einen Ort zu ziehen, den er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme.
9 Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen im Land der Verheißung wie in einem fremden Land und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung.
10 Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist.
11 Durch den Glauben empfing auch Sara, die unfruchtbar war, Kraft, Nachkommen hervorzubringen trotz ihres Alters; denn sie hielt den für treu, der es verheißen hatte.
12 Darum sind auch von dem einen, dessen Kraft schon erstorben war, so viele gezeugt worden wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Ufer des Meeres, der unzählig ist.
39 Diese alle haben durch den Glauben Gottes Zeugnis empfangen und doch nicht die Verheißung erlangt,
40 weil Gott etwas Besseres für uns vorgesehen hat: dass sie nicht ohne uns vollendet würden.

Hebräer 12
1 Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist,
2 und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes.
3 Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst.


Abraham und Sara marschieren mit


Der Verfasser des Hebräerbriefes ist erschrocken darüber, dass seine Zeitgenossen im Glauben müde werden. Es ist die Zeit nach der bewegten ersten bis zweiten Generation von Christen. Er will seine Mitmenschen ermutigen und zeigt ihnen ( und somit auch uns ) eine lange Reihe von Zeugen und Zeuginnen, die schon vor ihnen auf dem Glaubensmarsch unterwegs sind. Gleich zu Anfang gibt er ihnen dazu die Marschroute bekannt: Der Glaube ist eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.

Martin Luther übersetzt hier mit Zuversicht, was im Wortsinn jedoch „einen festen Stand haben“ bedeutet. Es braucht das gute Schuhwerk, die gute Ausrüstung, um mit sicherem Tritt eine Wanderung schaffen zu können. Schließlich gibt es auch raues Gelände zu durchqueren. Und es lauern Gefahren. Schon kann es losgehen. Kommt mit. Denn auch wir sollen uns an den Wegrand stellen und sehen, wer schon vor uns mit der richtigen Orientierung auf diesem Marsch unterwegs ist. Als erste zeigt der Schreiber auf das wandernde Paar Abraham und Sara aus dem Alten Testament. Beide sollten ihre alte Heimat Haran verlassen und sich im fernen Land eine neue Existenz aufbauen. Gott versprach Beistand und eine Kinderschar, so zahlreich wie die Sterne am Himmel. Nun ja, die ließ lange auf sich warten, wie wir alle wissen. Auch gab es Hindernisse zu überwinden. Sara wäre fast ganz im Harem des Pharaos gelandet. Doch Abraham und Sara gaben nicht auf. Sie sind im Unterwegs zuhause - wie wir alle irgendwie. Ihre Zelte sind dafür das Symbol. Sie vertrauten weiter auf Gottes Verheißung. Und Gott hat sie immer wieder durch alle Umwege und Irrwege hindurch auf den rechten Kurs geführt. Als Vorbilder im Glauben sind sie noch immer präsent und gehen uns voran.

Eine Wolke von Zeugen und Zeuginnen


Zusammen mit einer anderen Wolke von Zeuginnen und Zeugen laufen Abraham und Sara. Ich finde das ein schönes und ein beruhigendes Bild „Wolke von Zeugen“. Wie die Schäfchenwolken am Himmel, die in einer Gruppe und Gemeinschaft eng zusammenhängen. Wir müssen uns nicht allein fühlen, sagt uns das Bild. Es sind Generationen von Menschen vor uns im Glauben unterwegs gewesen. Sie können uns Orientierung geben. Wie auch Martin Luther King, der US-amerikanische Pfarrer und Bürgerrechtler, der für eine gerechtere Gesellschaftsordnung gekämpft hat. Oder Dietrich Bonhoeffer, der in der dunklen Zeit der Nazidiktatur unseres Landes geradlinig seinen Weg im Glauben weitergegangen ist. Aus seiner Glaubensüberzeugung in den Widerstand ging. Der sich als einer der wenigen Theologen an die Seite seiner jüdischen Schwestern und Brüder gestellt hat. Sie alle gehen mit in dieser Wolke der Zeugen und Zeuginnen des Glaubens.

Wer ist für uns eine Zeugin oder ein Zeuge des Glaubens?


Sicherlich gab oder gibt es in Ihrem Umfeld auch Menschen, die für Sie solch ein Zeuge oder eine Zeugin des Glaubens waren. Die Sie mitgenommen haben bis hierher. Denn ansonsten würden Sie heute nicht hier sein. Wie wir es schon von den anderen Zeugen und Zeuginnen gehört haben, muss der Weg dabei gar nicht immer gerade oder ohne Zweifel gewesen sein. Wege durch das Leben haben es nunmal so an sich, dass es auch Umwege und Irrwege gibt.

Für mich war solch eine Wegbereiterin sicherlich meine Oma, die mich schon früh mit in die Gottesdienste genommen hat. Die mir Gott in der Schönheit der Natur gezeigt hat und mich darüber hat staunen lassen. Die mir auch eine Ehrfurcht vor der Größe und Stärke Gottes mitgegeben hat. Der dann auch wieder der Hirte von Psalm 23 ist, der mit uns auf allen Lebenswegen, den schönen wie auch den steinigen geht. Ich möchte Sie nun einladen, im Stillen in sich hinein zu hören, wer Sie bis hierher ermutigt hat (…). Bedanken Sie sich bei Ihrem Zeugen und Zeugin des Glaubens und lassen Sie ihn oder Sie weiter mitziehen.

You´ll never walk alone


So sind auch wir eingeladen, nicht länger am Rand stehen zu bleiben, sondern uns einzureihen. In den Weg des Glaubens. In die Wolke der Zeugen. Wir gehen durch alle Stürme unseres Lebens. Durch Täler und über Höhen. Wir sehen weites schönes Land im strahlenden Sonnenschein. Und wir werden vom Regen bis auf die Haut durchnässt und sehen danach den bunten Regenbogen am Himmel. So gehen wir jetzt durch das tiefe Tal der Karwoche und die Dunkelheit des Karfreitags hindurch. Wir gehen durch den schweren Wegabschnitt der Coronazeit. Wir wissen uns jedoch in einer Weggemeinschaft mit allen Zeugen des Glaubens und den Brüdern und Schwestern, die heute um uns sind. Wir werden durch diese beschwerliche Wegstrecke hindurch kommen, mit festen Schritten und guter Zuversicht. Wir müssen uns nicht fürchten. Christus ist an unserer Seite. Seine Strahlkraft leuchtet uns voran. Bis wir am Ziel angekommen sind.

You´ll never walk alone:

Wenn Du durch einen Sturm gehst, halte Deinen Kopf oben und fürchte Dich nicht vor der Dunkelheit.
Am Ende des Sturms ist ein strahlender Himmel und das silberhelle Trillern einer Lerche.
Gehe weiter durch den Wind, gehe weiter durch den Regen, auch wenn sich alle deine Träume in Luft auflösen.
Geh weiter, geh weiter, mit Hoffnung in deinem Herzen, und du wirst niemals alleine gehen.
(EGplus 164, deutsche Übersetzung)


Amen


» Andachten/Predigten/Gottesdienste
» Startseite