Predigt zum 3. Sonntag nach Epiphanias
von Pfarrerin Carmen Schneider


[Teil 1] - [Teil 2]

Vielleicht mag solch eine Bindung romantisch und unrealistisch anmuten? Aber ist das nicht auch ein Wunsch bei anderen Entscheidungen, die wir selbst treffen? Wir wählen einen Beruf aus dieser Überzeugung heraus - wer weiß schon in früheren Jahren, ob wir dafür geeignet sind? Oder wohin uns unsere Berufswahl führen wird? Wir erziehen Kinder nach bestem Wissen und Gewissen - wer ist sich sicher, dass sie die Wege gehen und die Werte beherzigen, die wir sie gelehrt haben?

Jede unserer Entscheidungen ist doch ein Wechsel auf eine noch unbekannte Zukunft hin. Der Bibeltext spricht uns dabei auch den Mut zu, couragiert diese Entscheidungen zu treffen. Es kommt aber noch weiteres dazu. Die Treue der jungen Frau Rut zu ihrer Schwiegermutter ist das Glück im Unglück der Noomi. Selbst wenn es die ältere Frau in ihrer Bitterkeit noch nicht merkt. Diese Treue ist ein Schatz, ein Reichtum in dürftiger Zeit. Sie ist der Sonnenstrahl, der sich durch die verhangene Wolkendecke schiebt. Und darauf hoffen lässt, dass hinter dem Dunkel doch noch Sonne scheint.

Vielleicht ist auch hinter unserem Hadern schon etwas in Sicht, was uns wieder Hoffnung und Zuversicht gibt? Was wir hinter dem Schleier unserer Angst oder unserer momentanen Verzagtheit nicht sehen können. Der Text macht so auch Mut, nach unverhofften Lichtblicken Ausschau zu halten.

Unsere Geschichte hat noch mehr Gehalt. Die Moabiterin Rut ist aus Sicht der gläubigen Juden eine Heidin. Nirgends vorher wird gesagt, dass sie mit ihrer Heirat den Göttern Moabs abgesagt hätte. Jetzt in der Stunde des Umbruchs tut sie es. Sie vertraut sich nun dem Gott Noomis an, obwohl sie durch deren Schicksal doch gelernt haben könnte: dieser Gott konnte Noomi nicht vor deren schweren Schicksal schützen.

Wir hören oft: wie kann Gott solches Leid zulassen? Wir verhalten uns dabei, als sei Gott ein Talismann, den man wegwirft, wenn einem doch etwas Schlimmes passiert ist. Offenbar hat Rut aber gerade durch das Leben der Schwiegermutter erfahren, dass es einen Gott gibt, der trägt und mitgeht, bei allem Glück und bei allem Schweren. Es ist auch darin eine Solidarität mit dem geliebten Menschen, weil Rut sich mit Noomi in dem Glauben an diesen einen Gott verbunden weiß.

Auch in der derzeit schwierigen Coronazeit kann der Glaube an den einen Gott ein starker Halt sein. Der uns gleichzeitig unsere Solidarität mit den anderen Menschen in Not sehen und aktiv leben lässt. Gerade dann, wenn wir in normalen und heiteren Zeiten locker darüber weggegangen wären. Unsere Zeit der Krise birgt gerade die Chance, aufmerksam zu sein für die Not in uns und bei anderen. Um sich in Solidarität zu üben. Das können kleine Gesten der Verbundenheit sein oder auch eine tatkräftige Hilfestellung. Wie einen alleinstehenden älteren Menschen, der nicht zu seinem Impftermin kommt, dahin zu begleiten.

Die Geschichte der Noomi und der Rut geht unerwartet gut aus. Die beiden sind pfiffig und erfinderisch. Sie überleben in der damals sehr schwierigen Zeit für alleinstehende und verwitwete Frauen. In Bethlehem, der alten Heimat von Noomi. Sie treffen auf einen barmherzigen entfernten Verwandten von Noomi, Boas. Er bietet den Frauen Schutz und Achtung an. Er ist beeindruckt von der Treue und dem Lebensweg der beiden. Beide Frauen helfen dem Glück - unter Kenntnis des damaligen Rechts - auf die Sprünge. Rut bekommt einen rechtmäßig geborenen Sohn von Boas. Noomi wird damit Großmutter. Dieser Enkel und Nachfahre, Obed, wird Stammvater des großen Königs David. Und Rut wird damit ebenfalls im Matthäusevangelium als Stammutter im Stammbaum Jesu genannt.

Eine sehr menschliche kleine Geschichte wird uns da angeboten. An vielen Stellen ist sie zum Schmunzeln. Weil so herrlich eindeutig-zweideutig ist. Auch in solch menschlichen Situationen schreibt sich die Geschichte Gottes mit uns weiter. Können wir unser Herz dafür offenhalten, dass Gottes Wege uns durch sehr irdische Wünsche und Sehnsüchte, ganz menschliche Hoffnungen und Taten begleiten und weiter führen? Die Frauen Noomi und Rut in Betlehem haben uns für solch einen Mut machenden Glaubenden ein Tor geöffnet. Schön wäre es, wenn viele dadurch in die Freiheit gehen.

Amen


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