Predigt zum 16. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrerin Carmen Schneider

(eingestellt am 30. September 2020)

[Teil 1] - [Teil 2]


Kanzelgruß


1 Paulus, Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes nach der Verheißung des Lebens in Christus Jesus,
2 an Timotheus, mein geliebtes Kind. (2.Tim. 1,1 und 2a)

Und:
An die Gemeinde in Kriftel, Gottes geliebte Kinder: Gnade, Barmherzigkeit, Friede von Gott, dem Vater, und Christus Jesus, unserm Herrn! Amen (2. Tim. 1, 2b)


Liebe Schwestern und Brüder,


Carmen Schneider

Pfarrerin der Evangelischen Auferstehungsgemeinde Kriftel

in der Oberstufe hatte ich absichtlich einen Schwimmkurs gewählt, gerade weil Schwimmen nicht so mein Ding war. Wir mussten über Strecken tauchen, „Köpfer“ vom Sprungbrett machen und schließlich stand der Sprung vom Fünf-Meter-Turm an. Ich stand also oben und sah weit unter mir die erschreckende Tiefe. Auf dem Absatz machte ich kehrt, sehr unter der Häme meiner Kurskameraden und Kameradinnen. Das nagte an mir. Ich wollte es doch schaffen. Schließlich traute ich mich in der nächsten Schwimmstunde wieder rauf, hatte klatschnasse Hände, zitternde Knie. Ich nahm dennoch allen Mut zusammen - und sprang! Und kam gut an. Dieser Sprung vom Fünf-Meter-Turm ist für mich oft ein Ansporn, wenn ich vor schwierigen Situationen im Leben stehe.

Dem Verfasser des 2. Briefes an Timotheus stand als Ansporn für ein Leben als Christ eine ähnliche Motivation im Sinn, wenn er schreibt:

 

  7 Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.
  8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes.
  9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unseren Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt,
10 jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium. ( 2. Tim. 1, 7-10)


Das ganze Leben als Mutprobe


Der Briefschreiber sagt uns, dass das ganze Leben eine Mutprobe ist. Vermutlich war es nicht Paulus selbst, der aus dem Gefängnis geschrieben hat. Eher ein unbekannter Schreiber, der sich auf die große Autorität des Apostels beruft. Das war damals eine durchaus übliche Praxis und schmälert den Wert dieses Zeugnisses nicht. Der Verfasser gibt uns die paulinische Lebensüberzeugung, gesammelt in vielen Erfahrungen mit. Im Hintergrund schwingt dabei die Biographie des großen Apostels mit. Dieser musste viel durchmachen. Der Brief des Timotheus ist eine Botschaft an die Nachfolgenden.

Also auch an uns: Unser Leben ist nichts für die Furchtsamen. Ruft uns der Verfasser zu. Das hört sich zunächst sehr „forsch" an. Er will uns damit aber Mut machen. Sicher, man kann sich weg ducken und immer in der Herde mitlaufen. Dann passiert einem vielleicht weniger auf dem Weg durch das Leben. Selbst das ist aber nicht garantiert. Außerdem werden wir auf diese Art nie dazu kommen, unser ganzes Potential als Gottes geliebtes Kind zu entfalten. Denn Gott hat jeden Menschen mit seinen eigenen Fähigkeiten und Begabungen ausgestattet. Er setzt uns auf unseren je eigenen Weg, damit wir uns erproben können. Dabei machen wir vielleicht Irrwege und Umwege, müssen erstmal von den Höhen wieder runter steigen und neuen Anlauf nehmen - aber auch das ist Leben. Es ist auch nicht schlimm, denn als geliebte Kinder Gottes dürfen wir auch Fehler machen. Oder fallen hinter Erwartungen zurück. Und fallen aus der Liebe Gottes doch nicht raus. Dennoch zeigt uns unser Unwohlsein in diesen Erfahrungen auf, dass wir noch nicht bei dem angekommen sind, was uns glücklich und zufrieden macht.

Die schmerzhaften Erfahrungen des Apostel Paulus


Wenn der Briefeschreiber damals seine Zeilen so formulierte, wusste er um den Schmerz des Paulus, als sogar seine engsten Freunde und Mitarbeiter sich abwandten und nicht mehr solidarisch zu ihm hielten. Obwohl sie doch so viel von seinem Leben und von seiner Glaubensüberzeugung wussten. Das musste ihn im Inneren zerrissen haben. Auch sein Glaube wird auf dem Prüfstand gewesen sein. Dann fasste er wieder neuen Mut und wandte sich hoffnungsvoll an seinen Begleiter Timotheus, damit dieser sein, Paulus`, Vermächtnis weiterträgt. So der Brief.

Darüberhinaus stand Paulus immer noch mit dem Rücken an der Wand: Es traten Irrlehrer auf, die gegen die Lehre des Apostels agierten. Diese versuchten alles wieder zu verfälschen. Angesichts der Irrlehrer wurden viele derer, die vorher begeisterte Anhänger des Christentums paulinischer Prägung waren, wieder unsicher und schämten sich plötzlich des Evangeliums. Um in dieser Bedrohung zur Standfestigkeit aufzurufen, zeigt der Schreiber das Herzstück jeden Glaubens auf. Die wichtigsten Tugenden zu allen Zeiten sind die Liebe, als eine Fähigkeit empathisch zu sein und auch von sich abzusehen zu können und an andere zu denken; die Kraft, als „Dynamis“, im Leben alle Möglichkeiten zu sehen, die Gott uns zeigen will. Wir haben immer Möglichkeiten, auch wenn wir sie in trüben Zeiten zunächst vielleicht nicht deutlich erkennen;
und die Besonnenheit, auch in kritischen Situationen nicht die Flinte ins Korn zu werfen. Und besser nicht über zu reagieren und damit uns und anderen zu schaden.
Das alles hilft auch uns, im Leben zurecht zu kommen. Denn der Brief als ein Vermächtnis ist ebenso deutlich an die Nachwelt adressiert.

Schon vor aller Zeit waren wir Gott so kostbar, dass er uns gerufen hat zu seinem heiligen Volk. (Vers 9)


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