You`ll Never Walk Alone

Predigt an Silvester 2020 von Pfarrerin Carmen Schneider

(eingestellt am 4. Januar 2021)


Liebe Schwestern und Brüder,


wieder geht ein Jahr zu Ende. Wir halten innen und schauen zurück. Wir ziehen Bilanz.

  • Was hat uns das vergangene Jahr gebracht?
  • Was haben wir angepackt und ist uns gelungen?
  • Was ist uns womöglich aber auch nicht geglückt?
  • Welche Schicksalsschläge haben uns getroffen?
  • Und vor allem auch: was hat uns glücklich gemacht?


Carmen Schneider

Pfarrerin der Evangelischen Auferstehungsgemeinde Kriftel

Jede und jeder von uns wird auf diese Fragen seine eigenen, persönlichen Antworten geben. Was uns wohl alle miteinander verbindet, sind die erstmalig so erlebten Erfahrungen aus dem Coronajahr 2020. An Silvester schwingt immer die Frage der zerrinnenden Lebenszeit mit. In diesem Jahr ist alles noch zugespitzt.

Wir mussten uns dem Blick auf unsere Endlichkeit stellen - angesichts der Särge von Bergamo und New York; der Menschen, die in unseren Krankenhäusern beatmet werden und den Hunderten täglich, die es dennoch nicht schaffen. Wir alle haben keinen Zaubertrank als Babys mitbekommen - wir sind als Menschen verletzliche Geschöpfe und eben nicht „unkaputtbar“. Unsere Machbarkeitsphantasien, das „anything goes“ - alles geht - hat einen gewaltigen Dämpfer bekommen. - Da kommt ein kleines Virus daher und plötzlich geht eben nicht mehr viel. Unsere Gesellschaft, unsere Welt, war (und ist es immer noch teilweise) lahmgelegt. Wir saßen hilflos mit wenigen oder allein in den
Wohnungen. Merkten, dass wir Kontrolle abgeben mussten. An Experten, wie die Virologen. An Politiker, die solch eine Situation auch noch nie zuvor bewältigen mussten. Wiederum andere wie Ärzte und Pflegepersonal, Lehrerinnen und Erzieher, standen gewaltigen Anforderungen gegenüber. Hilflosigkeit und Überforderung wechselten sich bei vielen ab.

Auch in unserer Kirchengemeinde stand zunächst einmal vieles still. Wir mussten komplett umdenken und umplanen. Manchmal sogar innerhalb weniger Tage. Wir wollten in der Seelsorge und in den Gottesdiensten präsent sein, für die Menschen da sein; doch hatten wir genaue Hygieneregeln einzuhalten zu unserem Schutz. Und durften wenig. Andere wollten wiederum, dass alles so gemacht werden sollte wie die ganzen Jahrzehnte auch. Eine Quadratur des Kreises.

Im Blick in die Geschichte und im Blick auf die Welt insgesamt, relativiert sich die außerordentliche Erfahrung dieser Covid-19-Bedrohung dann aber doch. Die Menschheit allgemein hat schon viele schwere Krisen durchgemacht und durchgestanden. Oder mit einem bekannten Zitat von Erich Kästner:

 

„Wird´s besser? Wird`s schlimmer? fragt man alljährlich.
Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich.“


Von einer besonderen Bedrohung und einem Aufbruch erzählt uns heute die Bibel. Die Verse sind Teil der Exodustradition des Volkes Israel (Exodus 13, 20-22):

So zogen die Israeliten aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.


Die Israeliten zogen aus der grausamen Gefangenschaft in Ägypten aus. Dieser Exodus ist eine der ganz großen Hoffnungsgeschichten des Glaubens. Ein Drama von Furcht und Rettung. Eine Geschichte von dem langen und mutigen Weg hinaus - in ein neues, verheißenes Land. Wobei auf dem Hinweg nochmals Gefahren auszuhalten waren. Der Weg führte die Israeliten durch eine unbekannte, bedrohliche Wüste. Wege in verheißene Länder gibt es nicht zum Nulltarif, sie müssen durchlebt werden. Ganz menschlich wird dann aber davon erzählt, wie Gott dabei sein Volk lotst und es fürsorglich begleitet: Auf Umwegen verlassen sie das alte Land, das ihnen kein Glück gebracht hatte. Damit gewinnen sie erstmal Zeit und Abstand, um sich neu zu orientieren. Des Tags und des Nachts war Gott um sie und ließ sie bei alledem nicht im Stich. Tags in der Wolkensäule, um sie gegen mögliche Verfolger abzuschirmen und nachts in der Feuersäule, um den Weg auszuleuchten. Wichtig ist diese Erfahrung unserer Vorfahren im Glauben. Sie vertrauen uns damit ebenso einem solchen Gott an, der alle Wege mitgeht: in neue, ungewohnte Situationen, in neue Jahre, in Freudentage und in Wüstenzeiten.

You´ll never walk alone - heißt die Botschaft unserer Vorfahren im Glauben. Gott ist bei dir. Ein Gott, der mitgeht - das ist bis heute das wichtigste Merkmal Gottes: dass er die Menschen nicht allein lässt mit ihren Ängsten und Sorgen, sondern dass er bei ihnen ist.

Um beherzt über die Schwelle zu gelangen in das neue Jahr, können wir auch alle guten Erfahrungen mitnehmen, die wir in der Weggemeinschaft gemacht haben im letzten Jahr. Wir sind nicht nur eine Nation gewesen, die einander das Klopapier weggenommen hat. Wir haben doch auch Solidarität geübt, haben für Bedürftige eingekauft, haben viel miteinander telefoniert, um uns gegenseitig Mut zuzusprechen; viele Menschen haben Ihren Dienst für die Gemeinschaft geleistet.

You´ll never walk alone. Mit diesem Zuspruch Gottes und in der wandernden Gemeinschaft der Brüder und Schwestern dürfen wir voller Zuversicht in das neue Jahr 2021 aufbrechen.

Amen

 


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