Predigt zum 9. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrerin Carmen Schneider

(eingestellt am 10. August 2020)

[Teil 1] - [Teil 2]


Gnade sei mit euch und Friede von Gott,
unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus.
Amen


Jeremias Berufung - Jeremia 1, 4-10


4 Und des HERRN Wort geschah zu mir:
5 Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.
6 Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.
7 Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.
8 Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.
9 Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.
10 Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.


Wozu fühlen Sie sich berufen?

Carmen Schneider

Pfarrerin der Evangelischen Auferstehungsgemeinde Kriftel

Nehmen Sie das Wort überhaupt in den Mund, wenn Sie damit eine wichtige Lebensaufgabe meinen? Das ist ein hohes Wort: „Berufung“. Im Alltag ist es kaum noch zu hören.

Am ehesten begegnet es mir in leicht spöttischer Form, wenn jemand zu mir sagt: „Bei Ihnen ist das ja etwas anderes. Als Pfarrerin müssen sie ja Ihre Berufung haben.“ Früher ging mir das Wort echt gesagt auch nicht über die Lippen.
Heute sage ich das durchaus: ich fühle mich dazu berufen, Pfarrerin zu sein. Zwar gab es bei mir kein so einschneidendes Bekehrungserlebnis wie bei dem Apostel Paulus vor Damaskus. Aber dennoch. Ich bin überzeugt, den für mich richtigen Beruf gewählt zu haben und identifiziere mich damit. Ich bin dabei meinen eigenen Weg gegangen, um durch Anfechtungen, über Stolpersteine und doch immer wieder mit dem Rückenwind Gottes genau auf diesem Weg zu sein.

Sagen Sie jetzt bitte nicht auch: Bei Pfarrern ist das was anderes. Nein! Nach unserer evangelischen Auffassung werden die Pfarrer und Pfarrerinnen zwar in theologischen Fragen geschult und ausgebildet; um Gottesdienste zu leiten und seelsorgerische Gespräche zu führen. Berufen dazu, Gottes Botschaft in Wort und Tat weiterzugeben, sind wir als Christen alle. Und Lebensaufgaben haben wir auch alle.

Der Prophet Jeremia nimmt uns die Scheu davor, erst wie eine makellose Superheldin/ein makelloser Superheld auftreten zu müssen, um unserer Berufung im Leben nachgehen zu können. Denn Jeremia benennt deutlich seine Schwächen:
1. Er kann nicht so gut vor Leuten sprechen.
2. Er fühlt sich zu jung und einer solchen Aufgabe nicht gewachsen.

 

Spätestens jetzt können wir alle anknüpfen. Mit unseren Erfahrungen, sich manche Aufgaben nicht zuzutrauen. Sich am liebsten verstecken zu wollen. Mit solchen Beschwichtigungen schieben wir wohl alle hin und wieder wichtige Vorhaben zur Seite. Damit bleiben wir oft hinter unseren eigentlichen Möglichkeiten zurück. Um der eigenen Berufung zu folgen, muss man gar nicht unbedingt ein Prophet oder Prophetin werden.

Es kann eine bedeutsame berufliche Aufgabe sein, die so wichtig ist, dass man ihr nachgehen sollte. Obwohl es einige Hürden zu überwinden gilt. Es kann die Betätigung in einem Ehrenamt sein, weil man darin (s)eine Aufgabe und Erfüllung findet. Aber man treibt immer wieder den inneren Schweinehund vor sich her. Oder es geht darum, endlich mit einem Hobby zu beginnen, was den eigenen Fähigkeiten und Talenten entspricht.

Es geht doch um die Frage:
Wie und wo bringe ich die mir von Gott gegebenen Fähigkeiten so ein, dass ich als der Mensch lebe, als der mich Gott in dieser Welt gedacht hat?
Gott belässt unseren Jeremia auch nicht in seiner Komfortzone. Seine Angst davor zu predigen, lässt Gott genauso wenig gelten wie die mangelnde Erfahrung.


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