Predigt zum 9. Sonntag nach Trinitatis
von Pfarrerin Carmen Schneider


[Teil 1] - [Teil 2]

Der innere Ring: "Seinsfühlung"


Foto: Carmen Schneider

Gott lässt den Jeremia von innen nach außen wachsen. Ich stelle das hier mit drei Kreisen dar.

Was den inneren Kern ausmacht …

Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. (Vers 5)

Gott spricht Jeremia seinen einzigartigen Wert zu - schon vor seiner Geburt hat er diesen Ruf an ihn mit auf den Lebensweg bekommen. Ich gebe diesem Zustand mal das schöne Wort der selbstverständlichen „Seinsfühlung“.

Diese Selbstwirksamkeit und dieses ganz bei sich in der eigenen Mitte zu sein, können wir ab und zu auch noch spüren. So wie wir es wohl als Kind automatisch gespürt haben. Wenn wir selbstvergessen in die Schönheit eines Käfers oder einer Blume versunken waren. Wenn wir gedankenverloren spielten. Da fühlten wir uns eins mit uns, mit der Welt, mit Gott. Uns wird dieser unverbrüchliche Wert bei unserer Taufe eigens zugesprochen. Jede und jeder hat dabei seine eigene Melodie im Leben und eine Botschaft in der Welt; und eine Beauftragung dazu. Einen Ruf. Jenseits aller Leistung und vielleicht sogar abgesehen von der eigenen Sozialisation.

 

Der mittlere Kreis


Wir werden zur zweiten Ebene geführt…

Jeremia hat sich von Gottes Wort ansprechen lassen. Aber er traut sich den Ruf Gottes an ihn nicht zu. Jeremia tritt in einen inneren Dialog mit Gott ein und klagt ihm seine Vorbehalte. Das ist nicht unbedingt nur hinderlich, sondern es gehört gerade zu einer Berufung dazu. Sich der eigenen Schwächen bewusst zu werden und diese zu reflektieren - im Angesicht des Schöpfers. Es hilft auch dabei, auf dem Boden zu bleiben und nicht überheblich zu werden.

Das Gegenteil davon erleben wir gerade in der Welt: Alle die selbsternannten Propheten, die ohne die Ebene der Ohnmachtserfahrung und Selbstreflexion glauben, ihre machtvollen Botschaften in die Welt posaunen zu müssen. Das probieren wir gerade weltweit aus. Gott schickt jedoch genau diesen zaghaften und selbstkritischen Jeremia als seinen Propheten zu den Menschen mit einem „Fürchte dich nicht.“ Auch uns wird immer wieder Gottes „Fürchte dich nicht“ mitgegeben,
in unsere Sorgen hinein und die Ängste unserer Zeit. Die Engel in der Weihnachtsgeschichte stärken uns jedes Jahr aufs Neue mit ihrer Mut machenden Botschaft. Einem Täufling wir das „Fürchte dich nicht“ auf seinen Glaubensweg mitgegeben.

Die mittlere Ebene bedeutet: Ein Mensch wird reifer und kommt auch aus dem Zustand des Kindlichen heraus. Nach der Zeit der ersten Unvoreingenommenheit geraten die meisten von uns in die Wirbelströme des Lebens. Dann kommt irgendwann dieses Erschrecken auch durch die vielen abwertenden und verletzenden Erfahrungen, die ein Mensch in seinem Leben macht. Gott hilft Jeremia raus, in dem er ihm seine Worte in den Mund legt.

Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. (Vers 9)

Vielleicht kennen Sie das: Sie sollen irgendwo eine Rede halten und sie befürchten, vor Aufregung kein einziges Wort raus zu bringen. In der Situation wachsen Ihnen plötzlich ungeahnte Kräfte zu. Und Sie verstummen nicht. Sondern Sie packen es. Genau diese Berührung mit Gottes Wort lässt Jeremia nicht abheben und sich überschätzen, sondern er bleibt in der Verbundenheit mit Gott. Unsere christliche Freiheit ist somit kein absolutes Losgelöstsein von allen Bindungen. Wie manche lautstark skandieren. Es ist eine Befreiung von unguten Zwängen, die Menschen auferlegen. Und eine Bindung an Gottes Wort und seinen Ruf, zum Wohl der Menschen zu wirken.

Die äußere Ebene


… womit wir bei der 3. Ebene angelangt sind …

Gott spricht den zaghaften Jeremia auf seine Bestimmung im Leben an. Er spricht ihm dazu seinen Mut zu und legt ihm seine Worte in den Mund. Und er hat einen Auftrag an ihn.

…sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und … (Vers 7)
Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.
(Vers 10)

In seine damalige Welt hinein wirken soll der Jeremia. Immer bereit zur Selbstreflexion und in ständigem Zwiegespräch mit Gott und Gottes Wort soll er sein, damit er seine Macht nicht missbraucht, wie so viele andere. Dann bekommt er die unliebsame Aufgabe, Aufbauendes zu verkünden, aber auch Mahner zu sein, da hinein wo Dinge nicht zum Wohl der Menschen passieren. Wir wissen es: manchmal hat es den Jeremia ob dieser schweren Angabe fast zerrissen. Aber auch wir sind als Christen und Christinnen mit einem Auftrag unterwegs.

  • Zum einen unser Licht nicht unter den Scheffel zu stellen und unseren Fähigkeiten gemäß zu leben.
  • Dabei immer in der Selbstreflexion zu bleiben, um uns nicht an der Macht zu berauschen. Sondern eng gebunden zu bleiben an das, was Gott uns als seine Botschaft mit gibt. Auch wir sollen in unserer Welt wirken oder mit den gesellschaftlichen Gruppierungen im Gespräch sein, um um das zu ringen, was zum Guten dient.
  • Als Kirche stehen wir in der jüdischen Tradition der Propheten und haben auch die Aufgabe zum prophetischen Wort. Da gilt es in der Coronazeit nicht den Egoismus zu predigen, sondern aufmerksam zu bleiben, um die Schwachen zu schützen. Und Gottes Schalom in die Welt zu bringen. Im Gespräch mit anderen zu bleiben, um das Ringen für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Amen


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