Predigt zum 8. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrerin Carmen Schneider

(eingestellt am 2. August 2020)

[Teil 1] - [Teil 2]


„Falsches Mitleid ist das Schlimmste für Christina“, sagt die Mutter eines blind geborenen Mädchens in einem Interview in der „Zeit“. „Das hindert sie daran, selbstständig zu werden. Die meisten Menschen sind ja so entsetzlich gedankenlos. Oft habe ich das Gefühl, ein blinder Mensch ist für sie nur ein Gegenstand, um sich ihr Mitleid zu beweisen.“

Das sind ganz schön harte Worte einer Mutter, die sicherlich ihre Erfahrungen im Umgang mit der Blindheit ihrer Tochter gemacht hat. Sie bewirken jedoch auch, dass ich nachdenklich werde. Als Kinder haben wir wohl alle das Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst“ gespielt. Der Clou war doch, auf Dinge in der Umgebung aufmerksam zu werden - sie neu sehen zu lernen - die man nicht auf den ersten Blick bemerkt hatte. Bei diesem Spiel geht es immer auch darum, unsere eigenen blinden Flecken sichtbar zu machen. Jesus Christus macht mit uns eine Sehschule der besonderen Art.

Johannes 9, 1-7


1 Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war.
2 Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist?
3 Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm.
4 Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist;
es kommt die Nacht, da niemand wirken kann.
5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.
6 Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde,
machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden
7 und sprach zu ihm: Geh zu dem Teich Siloah – das heißt übersetzt: gesandt – und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.


Liebe Schwestern und Brüder,


Carmen Schneider

Pfarrerin der Evangelischen Auferstehungsgemeinde Kriftel

es ist schön, dass wir diesen Predigttext im hellen Licht des Sommers geschenkt bekommen. Jesus Christus will für uns das Licht der Welt sein - und zwar an diesen schönen Sommertagen und in den dunklen Zeiten unseres Lebens. Solange wir ihn in unser Herz, unser Denken und Fühlen hineinnehmen, sind wir in der Wirkkraft von Gottes Gnade. Das ist Evangelium. Das ist Gottes Zusage an uns. Vor allem anderen, was passiert, werden wir mit Gottes freundlichem Blick angesehen.

Wenn es denn so einfach wäre….Das zu glauben war noch nicht einmal leicht für die Jünger, die Jesus doch täglich vor Augen hatten. Die Jünger und Jesus gehen an einem blind geborenen Menschen vorüber. Die Jünger sind jedoch nicht aufmerksam. An dieser Stelle sind sie „blind“. Sie nehmen den Menschen als Menschen nicht wahr.

 

Blinde Flecken


Wie oft wird bei uns eine/ einer nicht als dieser eine bestimmte Mensch angesehen; sondern dazu benutzt, um mit ihm oder ihr klischeehaft umzugehen: Der da sieht nach Migrationshintergrund aus - da muss ich jetzt mal auf meine Handtasche aufpassen. Und die ältere Frau dort. Da rede ich einfach laut mit ihr und sage ihr ganz schnell, was sie tun soll. Und höre garnicht auf das, was sie eigentlich möchte. Ein befreundeter Schwarzer deutscher Mann sagte mir unlängst, dass die anderen oft die Straßenseite wechseln, wenn sie sehen, dass er entlang kommt.


weiter »


» Andachten/Predigten/Gottesdienste
» Startseite