Predigt zum 8. Sonntag nach Trinitatis
von Pfarrerin Carmen Schneider


[Teil 1] - [Teil 2]

Leiden/ Krankheit und Schuld?


In unserem Bibeltext kommt es noch schlimmer. Die Jünger benutzen den blinden Menschen als Fallbeispiel für ein theologisches Lehrgespräch mit Jesus. Sie sehen durch ihn hindurch und und benutzen ihn, um an ihm das Beispiel der Sünde erörtern. Er ist kein menschliches Gegenüber mehr für sie, sondern ein abgewertetes Objekt.

Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? (Vers 2)

Mit einem Satz wischt Jesus die Schuldfrage energisch vom Tisch.

Er antwortet: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. (Vers 3)

Er sagt ihnen: Darum geht es nicht. Eure Verquickung ist nicht zu akzeptieren. Die Vorstellung, dass Gott einen Kranken, Leidenden etc. damit bestraft, ist unhaltbar. Selbst die irrige Idee, Sünde und daraus folgendes Leid mit einem strafenden Gott in Verbindung zu bringen, ist völlig abwegig. Gott ist kein Erbsenzähler und kein Buchhalter! Der Zusammenhang von Schuld und Krankheit/ Leiden wird damit komplett auf den Kopf gestellt. Wir tun das jedoch fleißig weiter: Der Herzinfarkt musste ja kommen, er hat immer so viel gearbeitet. Und hatte nie Zeit. Oder: „Es ist natürlich traurig, dass so viele Menschen auf der Flucht ertrinken, aber letztlich sind sie auch selbst schuld. Sie hätten ja auch genauso gut in ihrer Heimat bleiben und die Verhältnisse dort verbessern können“.

Tatsächlich lebt es sich einfacher, wenn ich die Welt klar aufteilen kann in „Schuldig und Unschuldig“, „Schwarz und Weiß“, „Gut und Böse“. Das ist das Erfolgsgeheimnis vieler autoritärer Systeme. Sie geben einfache Antworten, die Menschen davor bewahren, sich mit komplexen Themen näher beschäftigen zu müssen. Mit ihren einfachen Antworten helfen sie, die Welt überschaubarer und weniger bedrohlich zu machen. Sie bewirken aber auch, dass die Sicht auf die Welt immer mehr blinde Flecken bekommt.

Statement I: Rabbiner Harold Kushner


Hilfreich finde ich zunächst die Feststellung des liberalen Rabbiners Harold Kushner. Er hat selbst seinen Sohn Aaron im Alter von 14 Jahren durch eine tragische Krankheit verloren. In seinem persönlichen Fazit hat er trotz aller offenen Fragen, Vertrauen in Gottes stärkende Kraft im Leiden. Er schreibt in seinem Buch „Wenn guten Menschen Böses widerfährt“: „Ich glaube an Gott. Aber nicht mehr so wie früher, als ich heranwuchs. Ich bin mir der Grenzen Gottes bewusst geworden. Seine Grenzen liegen in den Naturgesetzen … Ich mache Gott nicht mehr verantwortlich für Krankheiten, Unfälle und Naturkatastrophen, weil ich klar erkenne, wie wenig ich gewinne und wie viel ich verliere, wenn ich Gott wegen solcher Dinge zürne.“ Gott verursacht nicht unser Unglück, schließe ich daraus. Manches Unglück ist Missgeschick, anderes wird von schlechten Menschen verursacht oder ist die Folge unseres Daseins in einer Welt der Naturgesetze.
Die schmerzlichen Dinge, die uns widerfahren, sind nicht Bestrafung für schlechtes Betragen.

Jesus geht weiter …


Jesus geht in dieser Heilungsgeschichte noch einen Schritt weiter. Er steigt ganz aus einem System aus, das auf Sünde und Schuld basiert. Er schaut nach vorn. Ganz wichtig dabei: er belässt es nicht bei seiner Ansage. Jesus handelt. Er sieht den blind geborenen Menschen. Er erkennt, was dieser wirklich braucht. Zuerst seine ungeteilte Zuwendung und Aufmerksamkeit. Dann stellt Jesus einen Brei aus Speichel und Lehm her. Er berührt damit die Augen des Blinden. Das erscheint uns heute keineswegs eine hilfreiche Medizin zu sein. Speichel galt jedoch in der Antike als Heilmittel. Wenn ein Hund eine offene Stelle mit Speichel leckt, heilt diese schneller. Als Kinder haben wir einen blutenden Finger bespuckt, der Blutfluss stoppte schneller. Auf dieses seltsame Gemisch kommt es aber gar nicht an. Sondern darauf, dass Jesus sich mit Gott, seinem himmlischen Vater, verbindet und dessen Wohl für diesen einen Menschen bewirkt.

Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist. (Vers 4)

Auch für den Blindgeborenen gibt es keine Blitzheilung. Er wird an dem Prozess, ein Sehender zu werden, beteiligt: Jesu schickt ihn los zum Teich Siloah. Der Name bedeutet „gesandt“. Der Blinde wird zu einem Gesandten. Er, dessen Leben fremdbestimmt war, wird von Jesus losgeschickt, seinen eigenen Weg zu finden. Im Vertrauen, dass Gott ihm helfen wird. Er bekommt dadurch eine Würde und Selbstwirksamkeit. Die die Jünger ihm abgesprochen hatten.

Horizonterweiterung


Der Text zielt auf eine Horizonterweiterung. Auf Heilung im weiteren Sinn. Alle sollen sehend werden: der Blinde und die blinden Jünger. Und auch wir, die wir so oft mit Blindheit geschlagen sind und im Dunkeln tappen. Der Text sagt: Nicht immer andere durch die eigene Brille bewerten und nach einem Schuldigen suchen. Keine(r) ist auf die Vergangenheit festgelegt. Gott will neue Möglichkeiten eröffnen. Diese sollen wir uns möglichst schon im Hellen (auch im übertragenen Sinn) anschauen, um für dunkle Zeiten besser gewappnet zu sein. Dann leuchtet auch die Nacht wie der Tag. Das ist eine Ermutigung für Dich und mich.

Amen


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