Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis
von Pfarrerin Carmen Schneider


[Teil 1] - [Teil 2]

Lauwarm anstatt mit vollem Herzen dabei


Jedoch: Sind wir nicht auch davon überzeugt, alles schon zu kennen und danach zu leben?
Vergeltet niemand Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht. Haltet Frieden.
Christliche Ethik. Uns gut bekannt. Ganz nett. Ganz richtig.

Aber wir werden davon nicht mehr angerührt und angeregt. Wir sind träge geworden im Geist. Und sehen unser Christsein im persönlichen Sinne wie auch unser Leben in der Gemeinschaft nicht als vordringliche Herzens-angelegenheit, sondern wir sind bestenfalls lauwarm. Gehen sonntags in die Kirche, finden vielleicht christliches Gedankengut ganz nett, aber integrieren Gottes Botschaft gar nicht in unsere Lebenspraxis. Und das ist auch deshalb jammerschade, weil uns die Lebendigkeit, zu der uns unser Glaube anregen möchte, immer mehr abhanden kommt. Wir köcheln alles auf Sparflamme klein und gering.

Paradoxe Intervention


Genau hier landet Paulus seine zwei Überraschungscoups. Zum einen nimmt er uns den „Druck aus dem Kessel“, wenn wir meinen, sowieso in diesem komplizierten Leben nicht alles richtig machen oder bewältigen zu können - und deswegen oft auch wegsehen und weghören.


Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes. (Vers 19)

Ich kann in den Grenzen meiner Möglichkeiten bleiben, um gegen das Böse anzugehen. Ich muss mich in meinem Engagement nicht über meine Kraft fordern. Wichtig ist, dass ich selbst in meinem inneren Frieden bleibe. Und mich nicht anstecken lasse von der Gier, dem Neid, dem Bösen. Und es Gott zutraue, die Dinge darüber hinaus zum Guten zu wenden. Diese Haltung einzunehmen ist nicht leicht angesichts der Gräueltaten in der Welt. Aber sie bewahrt einzelne und Gruppen davor, selbst in die Spirale von Gewalt und Unfrieden einzutreten. Oder eben gleichgültig zu werden.

Christinnen und Christen mit dieser Haltung müssen gar nicht naiv oder passiv-defensiv sein. In dem wir darüber hinaus das tun, was der andere nicht erwartet, bringen wir ihn zum Umdenken seiner festgefahrenen Position. Er kann sich ändern, er kann aus seinen Fehlern lernen und wachsen. Wir selbst setzen uns nicht ins Unrecht; sondern handeln aus einer inneren Stärke und nicht aus Schwäche heraus. Aus der Kraft des Glaubens. Vielmehr:


Wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln. (Vers 20)

Das ist nicht naiv-blauäugig. In der Hirnforschung hat man inzwischen herausgefunden, dass ein Gehirn durchaus bereit ist, von alten und nicht hilfreichen Verhaltensmustern abzusehen, wenn ihm Überraschendes geboten wird. Ein Leben lang behält ein Gehirn grundsätzlich die Fähigkeit, sich anders zu organisieren; sich durch solche „paradoxen Interventionen“ auf ein Umlernen einzulassen.


Die christliche Ethik, die Paulus hier entwirft, ist gar nicht im Kern bestimmt von Imperativen und Ausrufezeichen. Sie lebt aus dem Bewusstsein, die Paulus an anderer Stelle formuliert:

Römer 4,5

Unsere Hoffnung aber wird uns nicht enttäuschen. Denn dass Gott uns liebt,
ist uns unumstößlich gewiss.Seine Liebe ist ja in unsere Herzen ausgegossen
durch den Heiligen Geist, den er uns geschenkt hat.
(Bibel: Gute Nachricht)

Mit dieser Kraft im Herzen, hören wir die Botschaft des Paulus als Verheißung, die auf inneren wie äußeren Frieden zielt: Lass dich nicht vom Böden überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Michelle Obama

(Foto: Pixabay)

"When they go low, we go high."

Michelle Obama hat in einem Satz ausgesprochen, was das paulinische Leitmotiv für unsere Zeit und ihre Herausforderungen gut aufgreift:

"When they go low, we go high."

In diesem Satz gipfelte ihre Rede. Ich lege ihn im Zusammenhang der Rede sinngemäß so aus: Wenn andere Respekt vermissen lassen und unter die Gürtellinie zielen, dann halten wir mit Achtung, Würde und Anstand dagegen.

Welchen Zeitgeist sie damit klug anprangert, liegt auf der Hand. Diese Botschaft ist weder lau, noch naiv, sondern Weg weisend und setzt Maßstäbe.
Amen

 


« zurück


» Andachten/Predigten/Gottesdienste
» Startseite