Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrerin Carmen Schneider

(eingestellt am 7. Juli 2020)

[Teil 1] - [Teil 2]


Liebe Schwestern und Brüder,


wie kommt es bei Ihnen an, wenn Sie einen Brief oder eine Mail erhalten, die mit Imperativen gespickt ist? Dann vielleicht noch in Verbindung mit Ausrufezeichen.

Erledigen Sie das sofort !
Das habe ich Dir immer schon gesagt!
Das gefällt mir gar nicht!
Ändere das!


Carmen Schneider

Pfarrerin der Evangelischen Auferstehungsgemeinde Kriftel

Da möchte man doch am liebsten auf Abstand gehen…
Durch eine gewisse Altersweisheit geläutert, empfinde ich solche Unhöflichkeiten inzwischen nicht mehr gleich als Druckmittel oder gehe auf die Palme. Diese Mails bringen mich andererseits auch nicht in die geforderte „Erfüllungshaltung“. Eher lehne ich mich zurück - und tue erstmal gar nichts. Ton und Stil passen nicht. Da mag ein Anliegen noch so berechtigt sein. Ich vermute mal, das geht nicht nur mir so, mit diesen Imperativ-Ausrufezeichen-Briefen oder Mails.

Irgendwie scheint der Apostel Paulus die menschliche Psyche nicht so sehr berücksichtigt zu haben, wenn er uns gerade solch einen Brieftext zumutet. Freilich mit den besten Absichten!

 

Brief an die Römer, Kapitel 12, Verse 17-21


17 Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann.
18 Ist's möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.
19 Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): "Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr."
20 Vielmehr, "wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln"
(Sprüche 25,21-22).
21 Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.


Eine Aufforderung reiht sich an die nächste. Es ist alles sehr, sehr wichtig, was der Apostel uns zu sagen hat. Das ist christliche Ethik pur. Allerdings ist die Welt nach Paulus dadurch auch keinen keinen Deut besser geworden. Schade eigentlich.

Allerdings nehme ich den Apostel gleich auch mal ein wenig in Schutz. Unser Predigttext ist leider aus seinem größeren Verständniszusammenhang heraus genommen worden. Er wird der Intention eines Paulus so nicht gerecht. Der Römerbrief will uns keine neue Gesetzlichkeit auf das Auge drücken, aus der heraus wir leben sollen. Er will uns keinen Glaubenszwang auferlegen. Er will uns nicht zu guten Handlungen nötigen, um vor Gott gut dazustehen. Denn gerade der Römerbrief des Paulus betont ja doch, dass wir von Gott aus reiner Gnade und aus seiner Liebe heraus gerecht gesprochen werden. Und nicht, dass wir immer mehr leisten müssen, um vor Gott bestehen zu können.

Befreit dazu, Gutes zu tun


Da lohnt es sich schon, den weiteren Zusammenhang anzuschauen, in dem dieser Predigttext steht. Paulus beschreibt in unserem Abschnitt das gute Zusammenleben innerhalb der Gemeinde. Was es heißt, aus dem Geist Gottes heraus zu leben. Fähig sind wir zu diesem neuen Leben durch unsere Taufe. Da hilft uns die Symbolik bei der Taufhandlung weiter. Das Element Wasser spielt eine wichtige Rolle. Bei der Taufhandlung wird unser altes egoistisches Ich ertränkt.

Wir bekommen grundsätzlich die Fähigkeit zugesprochen, in dem neuen und befreiten Leben eines Gotteskindes zu „wandeln“, wie es Paulus in seiner Tauflehre im 6. Kapitel schreibt. Jeder bekommt dazu verschiedene Gaben und Fähigkeiten als Kind Gottes mit, die sich innerhalb der Gemeinschaft auswirken.

Offensichtlich hat es aber schon in den ersten christlichen Gemeinden an der Umsetzung dieser Gaben und Fähigkeiten zum Wohle aller gehapert. Deswegen wird Paulus in unserem Predigttext etwas hitzig: Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt. Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. (Heißt es kurz zuvor in Vers 11.) Sicherlich wird es an dieser Stelle einige Nachfragen gegeben haben, wie genau Paulus sich das vorstellt. Er antwortet mit den Anregungen aus unserem heutigen Predigttext. Auf diesem Hintergrund kann ich Paulus' Anregungen nun wieder besser hören und beherzigen.


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