Predigt zum 13. Sonntag nach Trinitatis

- Diakoniesonntag -
von Pfarrerin Carmen Schneider

(eingestellt am 10. September 2020)

[Teil 1] - [Teil 2]


Liebe Schwestern und Brüder,


Carmen Schneider

Pfarrerin der Evangelischen Auferstehungsgemeinde Kriftel

in explosiven Zeiten wie diesen ist es manchmal schön, einfach nur an positiven Beispielen zu hören, wie das Zusammenleben gelingen kann.


Die Urgemeinde war ein Herz und eine Seele


Der Evangelist Lukas zeichnet solch ein perfektes Bild von der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem: "Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte." (Apg 4,32-35) Das Bild wirkt doch wie der Himmel auf Erden. Eine wunderschöne Geschichte von Gemeindeleben. Viel überzeugender, viel gerechter, viel harmonischer, als wir das hier und heute leben. Es muss eine besondere Zeit gewesen sein, als die Menschen begeistert von der Botschaft Jesu füreinander einstanden: Die politische Bedrohung von außen ließ sie sogar noch enger zusammenrücken. Das Allerbeste war: Täglich bekam die urchristliche Gemeinde neuen Zulauf und wuchs heran. Neben den Mitgliedern der hebräisch oder aramäisch sprechenden Urgemeinde in Jerusalem, kamen viele Menschen aus dem griechischen Sprachraum dazu. Die Stadt Jerusalem zog sie magisch an. Fast zu schön, um wahr zu sein? Bis es dann kracht. Das Zusammenleben in der damals schon multikulturellen Gemeinde verlief offensichtlich reibungslos, bis es dann so richtig knirschte.


Sagt unser Predigttext: Apostelgeschichte 6, 1-7


 

1 In diesen Tagen aber, als die Zahl der Jünger zunahm, erhob sich ein Murren unter den griechischen Juden in der Gemeinde gegen die hebräischen, weil ihre Witwen übersehen wurden bei der täglichen Versorgung.
2 Da riefen die Zwölf die Menge der Jünger zusammen und sprachen: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und zu Tische dienen.
3 Darum, liebe Brüder, seht euch um nach sieben Männern in eurer Mitte, die einen guten Ruf haben und voll Geistes und Weisheit sind, die wollen wir bestellen zu diesem Dienst.
4 Wir aber wollen ganz beim Gebet und beim Dienst des Wortes bleiben.
5 Und die Rede gefiel der ganzen Menge gut; und sie wählten Stephanus, einen Mann voll Glaubens und Heiligen Geistes, und Philippus und Prochorus und Nikanor und Timon und Parmenas und Nikolaus, den Proselyten aus Antiochia.
6 Diese stellten sie vor die Apostel; die beteten und legten ihnen die Hände auf.
7 Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem. Es wurden auch viele Priester dem Glauben gehorsam.


Das kommt uns schon gleich bekannter vor. Es gibt Unruhe, Getuschel und handfesten Ärger. Irgendetwas passte gar nicht. Die Gemeinde unterstützte von Beginn an verwitwete und alleinstehende Frauen, deren Lebenssituation schwierig war. Offenbar kommt es nun bei der Verteilung der Mahlzeiten und von Lebensmitteln zu Ungerechtigkeiten. Zumindest fühlen sich Frauen griechischer Herkunft benachteiligt. Von einem Murren ist die Rede.

Mir fällt auf: Unzufriedenheit führt hier nicht zur Abwendung oder – heute würden wir vielleicht sagen, zum Amtsgericht, um den Kirchenaustritt zu erklären. Nein, diejenigen, die sich benachteiligt fühlen, machen sich bemerkbar. Das tiefe Vertrauen, das das Miteinander bislang so stark bestimmt und ausgezeichnet hat, ist jedoch angeknackst.

Lösungsvorschlag in der Urgemeinde


Die Leitung weiß: Das kann die Gemeinschaft unter den hebräisch und den griechisch geprägten Mitgliedern ernsthaft gefährden. Die Vertrauenskrise wird ernst genommen. Das Thema wird öffentlich. Eine Gemeindeversammlung wird einberufen. Die Apostel haben sich Gedanken gemacht und sind gut vorbereitet. Sie unterbreiten einen Vorschlag, der einerseits die akuten Probleme löst und künftige Benachteiligungen verhindern soll. Uns wird beschrieben, wie es geregelt wird: Hier wird die Gemeinde durch eine Veränderung in der Organisation, den Menschen und ihren Bedürfnissen besser gerecht. Bei der Lösung geht es um zweierlei: Zum einen um den Dienst in Wort und Gebet, auch der ist hier mit dem griechischen Wort Diakonia bezeichnet. Hierauf wollen sich die Apostel konzentrieren, anstatt – wie vorher – auch noch die Verteilung der Güter zu organisieren. Oder darüber die Verkündigung zu vernachlässigen. Alles zusammen ist es ihnen zu viel geworden und der Tag der Apostel hat auch nur 24 Stunden.

Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Auch in unseren Gemeinden klagen die Pfarrer und Pfarrerinnen über zunehmende Auslastung. Einer Studie zufolge ist nicht die viele Arbeit ein Problem, sondern dass man sich um zu viel verschiedene Dinge und Kleinkram nebeneinander kümmern soll…

Logo der Diakonie Deutschland

Zum anderen geht es in der Apostelgeschichte um die Diakonie, die die Bedürftigen in der Gemeinde mit dem versorgt, was sie zum Leben brauchen. Diese Aufgabe wird für sehr wichtig und verantwortungsvoll erachtet. Hierfür kommen ausschließlich die in Frage, die einen guten Ruf, Geist und Wahrheit mitbringen. Sie werden unter Handauflegung und Gebet eingesegnet. Dies belegt, wie eng hier die geistliche und die soziale Dimension auch dieser Arbeit selbstverständlich miteinander verbunden ist.

Ich bin froh und dankbar, dass es in unserer Auferstehungsgemeinde Menschen gibt, die sich aus ihrem Glauben heraus, mit ihrer Zeit und ihrer Kraft für andere einsetzen. Ich denke z.B. an unseren Besuchsdienst, die Seniorenarbeit oder die Aufgabenteilung in den Ausschüssen und im Kirchenvorstand. Die Diakonische Arbeit verleiht unseren Gemeinden bis in die heutige Zeit Glaubwürdigkeit im wahrsten Sinne des Wortes. Übrigens auch in den Augen derer, die uns als Kirche eher distanziert gegenüberstehen. Alle die, die sich an welcher Stelle auch immer, diesem Dienst verschreiben, sie geben unserer Kirche ein menschenfreundliches Gesicht. Auf Schultern verteilt - gut evangelisch und bitte nicht sein lassen! Danke allen dafür, die sich hier einsetzen!

 


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