Predigt zum 13. Sonntag nach Trinitatis
- Diakoniesonntag -
von Pfarrerin Carmen Schneider


[Teil 1] - [Teil 2]

Identitätskrise in Kirche und Gesellschaft


Aber auch in unseren Gemeinden und in der Gesellschaft gibt es gerade in diesen Zeiten viele Menschen, die murren. Wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, dann sind wir heute doch längst in einer tiefen Vertrauenskrise auch in unserer Kirche. Immer weniger Menschen fühlen sich zugehörig und identifizieren sich mit uns. So höre ich aus diesen Beispielen wie auch aus unserem Predigttext, die Mahnung, den Zusammenhang zwischen dem Verkündigungsdienst ( auch in die Gesellschaft hinein) und den Dienst der praktischen Hilfe für andere unbedingt beizubehalten bzw. neu zu beleben.

Unsere ganze Gesellschaft steckt in einer tiefen Krise, es droht sogar die Spaltung. Längst ist die Rede davon, dass es in unserer Gesellschaft sogenannte „Stammeszu-gehörigkeiten“ gibt. Jeder „Stamm“ spricht seine eigene Sprache und gebraucht dazu oft die gleichen floskelhaften Codewörter. Diese sogenannten „Stämme“ befinden sich untereinander garnicht mehr auf einem gemeinsamen Boden der Verständigung. Untereinander schotten sich die Gruppierungen auch ab. (Echt gesagt: es gibt auch noch einen dritten „Stamm“ der Übervorsichtigen in der Coronakrise. Diese ziehen sich weitgehend ins Häusliche zurück und werfen anderen schon dann Körperverletzung vor, wenn diese z.B. in die Rhön in Urlaub fahren.)

Kirche wird dabei eher dem einen Lager des „Establishment“ zugeschlagen, von dem viele Menschen sich gerade abwenden. Ich sehe hinter der innerkirchlichen Krise wie hinter der gesellschaftlichen Krise eine tief liegende Identitätskrise. Die Welt ist zu komplex und kompliziert geworden. Die Menschen sind sehr verunsichert. Leider finden sie dabei ihre Beheimatung immer weniger in den Kirchengemeinden. Dann fühlt man sich schon eher in diesen Stammesgruppen verstanden. Hier wird wenigstens die gleiche Sprache gesprochen. Hier werden die selben Codewörter gebraucht: wie die eine Suche nach der „Wahrheit“, „Coronadiktatur“, die „böse Mainstreampresse“ usw. - so die einen. Dass das oft nur leere Hülsen sind, wird oft nicht mehr erkannt. Immer mehr treibt es auf die Straßen und sie geraten dann Seite an Seite mit Gruppen, die auf Manipulation und Krawall aus sind.

Was sagt uns die Apostelgeschichte?


Was ich aus dem Text der Apostelgeschichte gelernt habe: Es hilft wenig, Menschen in dieser Verunsicherung auf gleicher Ebene mit rationalen Argumenten etwas entgegenzusetzen. Das heizt die Stimmung eher an.
Unsere christliche Verkündigung ist auch Dienst der Versöhnung an den Menschen. Wir sind Brückenbauer. Von der Gemeindeversammlung in Jerusalem, von der die Apostelgeschichte berichtet, können wir lernen:
Das Thema zunächst auf struktureller und organisatorischer Ebene zu betrachten:

  • Diakonie als praktische Hilfe(n) zur Beheimatung vor Ort zu bieten: in der Frauengruppe, der Seniorenarbeit, für die Jugendlichen. Die Menschen aufsuchen und mit ihnen über ihre Sorgen reden. Dazu braucht es Sie als befähigte und getaufte Christen, die mithelfen und tätig sind.
  • Auch im Dienst der Verkündigung sich wieder mehr auf das besinnen, was den Menschen Halt gibt: Gottes Wort in Jesus Christus. Nicht zu viel werten und beurteilen, sondern das Wort der Versöhnung aufrichten. Brücken bauen.


Der schweizerische Theologe Karl Barth (1886-1968)

Foto: epd bild

Der Theologe Karl Barth…


In der schweren Krise des Jahres 1933 bemerkte der große Theologe Karl Barth: „Das Entscheidende, was ich heute zu diesen Sorgen und Problemen zu sagen versuche, … besteht einfach darin, dass ich mich bemühe, (…) Theologie und nur Theologie zu treiben.“

Dem habe ich auch nichts hinzuzufügen.

Amen

 


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