Predigt zum 12. Sonntag nach Trinitatis
von Pfarrerin Carmen Schneider


[Teil 1] - [Teil 2]

Kirchenwahlen in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau 2021



Nächstes Jahr haben wir Kirchenwahlen in der EKHN. Der Kirchenvorstand hat die Gesamtverantwortung in unseren Gemeinden. Um maßgeblich an dem Gebäude - dem Inneren wie dem Äußeren - mitzubauen. Es wird eine Zeit des Umbruchs sein, die mitzugestalten ist. Alte Traditionen werden nicht mehr in allem tragen. In der kommenden Zeit wird auch es auch als eine Zeit der Veränderungen nötig werden, darauf zu achten, was die Menschen brauchen und welche Gestalt die Kirche in Zukunft annehmen soll. Auch an der Kathedrale in Chartres wurde über die Jahrhunderte gebaut und umgebaut, bis sie solch ein einzigartiges Gesamtkunstwerk werden konnte.

Die Prognosen für den Weiterbau an unserer Volkskirche klingen allerdings zunächst düster: Bis 2060 werden sich die Gemeindegliederzahlen halbieren. Auch das zur Verfügung stehende Geld aus dem Kirchensteueraufkommen wird voraussichtlich um die Hälfte schrumpfen. Überlegungen einer übergemeindlichen Planungsgruppe gehen dahin, den Verwaltungsapparat zu verschlanken und die Stellen, die hauptsächlich aus Kooperationen zu anderen Institutionen bestehen, abzubauen. Notwendige Einsparungen also werden ein Thema sein müssen.

Was sind jedoch die inhaltlichen und theologischen Überlegungen, welche Säulen auch in der Zukunft tragen werden? So wie es bei der Reformation der Kirche der Fokus war? Eine Kritik an besagter Planungsgruppe ist, bei der Betrachtungen für den zukünftigen Kirchenbau nicht unbedingt auf die Kerngemeinden zu setzen. Darin sehe ich einen großen Fehler. Ich bin sehr dafür, die Kirche(n) im Dorf lassen. Indem wir in dieser kompliziert gewordenen und global vernetzten Welt nahe bei den Menschen vor Ort bleiben; sowie Begegnungen und Kontaktmöglichkeiten eröffnen, werden wir die Menschen weiterhin erreichen. Ob der Weiterbau in der Zeit dieses Kirchenumbaus stagniert oder zu einer neuen Blüte gelangt, werden die entscheiden, die nach uns kommen. Ob wir goldene Zeiten erleben dürfen oder bloße Strohfeuer entfachen. Wir haben jedoch auch die große Chance, uns wieder mehr auf das Fundament zu besinnen, was uns doch im Kern ausmacht. Dieses Fundament ist stabil, auf ihm können wir aufbauen. Stein für Stein. Mauer für Mauer.

 
  • "Einen andern Grund kann niemand legen außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus" (Vers 13)


Es kommt auch auf Sie und Dich an …


Und es kommt in Zukunft dabei wieder mehr auf jeden einzelnen an. Eine schlanker gewordene Kirche mit weniger finanziellen Mitteln zur Umsetzung ihrer Aufgaben, wird auch nicht mehr die Dienstleistungen erbringen können wie bisher. Die Selbstverständlichkeiten und Privilegien, die die Kirchen in unserem Staat haben, werden vermutlich auch nachlassen.

Ein jeder aber sehe zu, wie er darauf baut. Gut christlich, gut evangelisch: Eine Gemeinschaft der Heiligen. So gesehen rückt dann die Taufe als das Glaubensfest am Beginn eines Lebens als Christ wieder mehr in den Mittelpunkt. Jeder Täufling ist ein wichtiger Stein, mit dem weiter gebaut wird. Jeder Konfirmand und jede Konfirmandin verspricht mit seinem/ ihrem Bekenntnis zum Christsein und zur Gemeinde, Verantwortung für das Gelingen des Ganzen zu übernehmen. Das hört sich nach einer großen Aufgabe für jeden und jede an. Sollen wir nicht doch lieber weglaufen oder wegsehen?

Fangen wir doch klein an. Beim Bau einer Kathedrale zählen ja auch die vielen kleinen Schritte und die vielen einzelnen Handreichungen, bis das große Werk vollendet werden konnte. Was können solche Schritte und Handreichungen sein?

Es ist heute eher ungewöhnlich geworden in unserer Gesellschaft, sonntags zur Kirche zu gehen und sich als Christ zu „outen“. Als ich als Pfarrerin vor 30 Jahren angefangen hatte, war das noch anders. Fangen Sie / fangt ihr zu Hause und in den Freundeskreisen an, darüber zu reden, warum ihr sonntags in den Gottesdienst geht. Und was es euch und Ihnen in eurem Leben gibt. Bringt christliche Positionen ein in den Gesprächen, die ihr führt und schämt euch nicht dafür. Vertraut euch im Gebet Gott an. Erzählt dann von der großen Hoffnung die euch trägt: vom Frieden in der Welt, einem gerechten Miteinander, einer Schöpfung die erleichtert aufatmen kann, weil sie nicht mehr so gequält wird von uns Menschen. Und: Dass der leibliche Tod uns nicht von Gottes Liebe trennen kann.

  • "Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? (V. 16)


Carmen Schneider

Pfarrerin der Evangelischen Auferstehungsgemeinde Kriftel

Bauen wir an unserer Kirche nach bestem Wissen und Gewissen! Tun wir es auch für uns selbst. Und für unsere Zeit. Weil wir fern allem Leistungsdenken, das heute so vorherrschend ist, geliebte Kinder Gottes sind. Mit unserer kleinen Kraft und großen Sehnsucht! Vieles kann gelingen, einiges bleibt vielleicht auf ewig eine Baustelle und das ein oder andere kann auch wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. Wir können scheitern. Doch auch wenn die Mauern brüchig werden, die Wände einstürzen und uns das Dach auf den Kopf fällt, wir selbst werden leben. Und können neu beginnen. Immer wieder neu. Denn wir haben einen Grund, der uns alle trägt, unerschütterlich und ewig, "der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus" (Vers 11).

Es ist diese Vergewisserung und Ruhe, die ich spüre, wenn ich in der Kathedrale in Chartres sitze. Ich bin Teil einer größeren Gemeinschaft. Als kleines Menschenkind darf und soll ich meinen Beitrag zum Bau des Ganzen leisten. Ich muss aber auch keine Angst haben, da ich ja auf festem Boden stehe und mit vielen einzelnen unterwegs bin. In einer Gemeinschaft der Heiligen.

 

Amen


« zurück


» Andachten/Predigten/Gottesdienste
» Startseite