Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis

von Pfarrerin Carmen Schneider

(eingestellt am 16. August 2020)

[Teil 1] - [Teil 2]


Liebe Schwestern und Brüder


Carmen Schneider

Pfarrerin der Evangelischen Auferstehungsgemeinde Kriftel

in meiner Zeit als Schulpfarrerin hatte ich eine sehr sympathische Kollegin, mit der ich häufig im Lehrerzimmer zusammensaß und redete. Nach einigen Jahren an der Gesamtschule sagte sie zu mir: „Du bist die einzige, die spürt, dass ich eine Jüdin bin. Zu dir habe ich Vertrauen, das zu bekennen. Ansonsten habe ich inzwischen in Deutschland große Angst, das offen auszusprechen“.

Wir wissen inzwischen alle, dass das nicht nur eine unbegründete Angst ist. Der Anschlag auf die Synagoge in Halle 2019 ist ein Beispiel für die wieder zunehmenden antisemitischen Tendenzen in der Bevölkerung. Es ist eine Furcht, die ernst zu nehmen ist. Das kann nicht nur immer abgetan werden mit den Worten, dass wir schließlich wichtigere Themen hätten. Antijudaistische Strömungen gibt es auch noch immer unter einigen Christen und Christinnen. Einhergehend mit einer Abwertung des ersten, des Alten Testaments. Obwohl unsere Landeskirche EKHN die „bleibende Erwählung der Juden und Gottes Bund mit ihnen“ im Grundartikel der Kirchenverfassung verankert hat. Ein Text aus dem Römerbrief des Paulus hatte an der unguten Wirkungsgeschichte Anteil. Weil Teile daraus aus dem Zusammenhang gerissen wurden. Und das Verständnis, aus dem Paulus heraus argumentiert, nicht gut beachtet wurde. Der Text soll uns heute zu einem Miteinander auf Augenhöhe mit unseren jüdischen Glaubensgeschwistern verhelfen.

 

Römerbrief, 11, 25-32 (Gute Nachricht Bibel)


25 Meine Brüder und Schwestern, ich muss euch jetzt mit Gottes geheimnisvollem Plan bekannt machen. Wenn ihr euch auf eure eigene Klugheit verlasst, könnt ihr leicht zu falschen Schlüssen kommen. Gott hat verfügt, dass ein Großteil des jüdischen Volkes sich gegen die Einladung zum Glauben verhärtet. Aber das gilt nur so lange, bis alle, die er aus den anderen Völkern erwählt hat, den Weg zum Heil gefunden haben.
26 Wenn das geschehen ist, dann wird das ganze Volk Israel gerettet werden, wie es in den Heiligen Schriften vorhergesagt ist: »Vom Zionsberg wird der Retter kommen und alle Auflehnung gegen Gott von den Nachkommen Jakobs nehmen. 27 Dann werde ich ihnen ihre Verfehlungen vergeben, sagt Gott; und so erfüllt sich der Bund, den ich mit ihnen geschlossen habe.«
28 Im Blick auf die Gute Nachricht gilt: Sie sind Gottes Feinde geworden, damit die Botschaft zu euch kommen konnte. Im Blick auf ihre Erwählung gilt: Sie bleiben die von Gott Geliebten, weil sie die Nachkommen der erwählten Väter sind.
29 Denn Gott nimmt seine Gnadengeschenke nicht zurück, und eine einmal ausgesprochene Berufung widerruft er nicht.
30 Ihr aus den anderen Völkern habt Gott früher nicht gehorcht; aber weil sie ungehorsam waren, hat Gott jetzt euch sein Erbarmen geschenkt.
31 Genau entsprechend gehorchen sie Gott jetzt nicht, weil er euch sein Erbarmen schenken wollte; und so werden künftig auch sie Erbarmen finden.
32 Gott hat alle ohne Ausnahme dem Ungehorsam ausgeliefert, weil er sich über alle erbarmen will.


Ein schwieriger Text zur heißen Sommerzeit! Sehr kompliziert und komplex sind Deine Gedankengänge, lieber Paulus! Vor allem Deine merkwürdige Rede von Gottes Heilsplan.

Paulus war ein sehr eifriger und mit komplizierten theologischen Gedankengängen vertrauter Jude. Vor Damaskus wurden ihm die Augen geöffnet. Er hat sich der neuen Sichtweise der frohen Botschaft geöffnet. Er hat aber auch danach nicht von außen auf Gottes Plan für die Menschen geschaut. Er argumentiert eher aus einer Position heraus wie unter Geschwistern, die öfter kontrovers diskutieren. Da prallen die unterschiedlichen Sichtweisen auch z.T. hart gegeneinander. Konflikte in einer Familie - das Thema kennen die meisten. Besonders in Trauergesprächen werden die Gräben in den Familien oft sichtbar. Oberflächlich betrachtet geht es meist um materielle Auseinandersetzungen. Wer hat welche Ansprüche?

Meist steckt jedoch mehr dahinter: Wen haben die Eltern oder Großeltern mehr beachtet und geliebt? Wer ist näher an dem dran, was diese Familie ausmacht? Neid und Eifersucht spielen eine große Rolle. Manchmal wird auch die Frage gestellt, was die tieferen Wahrheiten und Werte genau dieser Familie sind. Unter den Kindern der religiösen Familien (die Abraham als Stammvater haben: Juden/Christen/ Muslime) bricht oft ähnliches auf. Jeder beansprucht für sich, näher an Gott zu sein. Näher an dem, was für wahr gehalten wird.

Religiöse Überzeugungen in Zeiten der Globalisierung


Unsere gesamte Welt ist enger zusammengerückt. Sie ist religiös bunt und vielfältig geworden. Diejenigen, die mit Überzeugung einem bestimmten Bekenntnis angehören, stellt das auch heute noch vor ein Problem. Wie können wir zu dem stehen, was wir glauben? Und mit Respekt und Achtsamkeit denen begegnen, die von einer anderen Sichtweise überzeugt sind. Eines kann sicher keine Lösung auf die Herausforderungen unserer Zeit sein: Das Aussteigen und eine „Es-ist-alles-egal-Haltung“. Das führt dazu, dass Menschen wie Blätter im Wind treiben und anfällig für Scharlatane werden. Beim Glauben geht es nämlich um das, was uns „unbedingt angeht“ und betrifft; wie der Theologe Paul Tillich das gesagt hat. Es geht um eine innere Haltung und ein Wirken daraus, die unser ganzes Leben meint.


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