Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis
von Pfarrerin Carmen Schneider


[Teil 1] - [Teil 2]

Gott ist und bleibt der Vater für alle seine Kinder


Der Apostel Paulus stellt etwas ganz deutlich fest, wenn es um die Auseinandersetzung mit der jüdischen und christlichen Glaubensüberzeugung geht: Gott ist und bleibt der Vater für alle seine Kinder. Das Geschenk seiner Liebe, seinen Bund, den er mit Juden wie Christen eingegangen ist - nimmt er von keinem weg.

  • Im Blick auf ihre Erwählung gilt: Sie bleiben die von Gott Geliebten, weil sie die Nachkommen der erwählten Väter sind. (Vers 28)
  • Denn Gott nimmt seine Gnadengeschenke nicht zurück, und eine einmal ausgesprochene Berufung widerruft er nicht. (Vers 29)


Es ist wohltuend zu hören, gerade in unserer Zeit der Beliebigkeit: Gott bleibt zuverlässig und treu. Gut dazu parallel ist es auch, wenn in unseren Herkunftsfamilien die letzten Dinge von den Eltern vor deren Ableben geklärt sind. Wenn die Eltern vorher deutlich machen konnten, dass sie jedes ihrer Kinder liebten - auf seine Art und Weise. Dann müssen die Rivalitäten gar nicht erst später so hart ausgetragen werden. Doch gleichwie die leiblichen Eltern reagieren: unser Vater im Himmel ist ein bedingungslos liebender Vater für alle seine Kinder.

Paulus war selbst einst Jude. Das „Nein“ seiner früheren Glaubensgeschwister zu Jesus Christus muss ihn tief enttäuscht haben. Wie später den Reformator Martin Luther. Er hoffte zunächst, Juden zu seiner neuen Glaubensausrichtung bekehren zu können. Und er war entsetzlich enttäuscht und wütete, als diese das nicht taten. Das ist in keiner Weise eine Entschuldigung für die maßlose Hetze des Reformators; aber eine Erklärung, wie Dinge auf fatale Weise zusammenhängen. Wie folgenschwere Fehler wiederholt werden. Solange, bis Versöhnung möglich wird.

Paulus Gedankengang geht dahin, den tieferen Sinn zu erkennen, der hinter der Weigerung steckt, den Christus-glauben anzunehmen. Erst indem die Juden dem Juden Jesus Christus die Gefolgschaft verweigern, konnte der christliche Glaube sich für diejenigen öffnen, die zuvor außerhalb des Glaubens an einen Gott lebten. Paulus nennt diese Weigerung „Verhärtung“. Diese Verhärtung erfüllt einen Sinn im göttlichen Heilsplan. Erst so konnte die Christusgeschichte weitergehen. Davor waren die Heiden diejenigen, die in dieser Verhärtung lebten. Daraus ist aber keineswegs ein besser oder schlechter, ein drinnen oder draußen abzuleiten. Jeder Mensch - egal ob Jude oder Christ (Muslim), lebt zunächst vor Gott mitsamt seinen Fehlern. Keiner hat das Recht, sich über den anderen zu stellen oder zu urteilen.

  • Gott hat alle ohne Ausnahme dem Ungehorsam ausgeliefert, weil er sich über alle erbarmen will. (Vers 32)


Jeder Mensch lebt inmitten seiner eigenen Verstrickungen und ist auf Gottes Gnade angewiesen. Der christliche Weg schließt daher immer auch die Sicht ein, aus dieser Gnade zu leben und aus dem Respekt für den Glaubens- und Lebensweg der anderen. Gottes Ziel ist nicht das Verderben von den Menschen, sondern ihr Erbarmen. Deswegen dürfen wir auch nicht selbst die Haltung derer einnehmen, die Gottes Plan umsetzen. Wie es in der Vergangenheit und Gegenwart leidvoll geschehen ist. Wenn wir die Wahrheit des anderen erkennen und respektieren, berühren wir deswegen gerade den Kern unseres christlichen Glaubens. Außerdem werden wir in dieser Achtsamkeit tiefer in das Verständnis unseres eigenen Glaubens hineingeführt.

Eine jüdische Geschichte soll uns dabei weiterbringen: „Ein christlicher Priester und ein jüdischer Rabbi haben lange drüber gestritten, ob der Menschensohn schon gekommen ist. Da beendet der Rabbi die Diskussion, indem er dem Priester den Rücken zukehrt und aus dem Fenster schaut. „Warum redest du nicht weiter?“, fragt der Priester nach einer Weile. „Ich schaue in die Welt hinaus, antwortet der Rabbi. „Warum?“ „Ich prüfe, ob der Messias schon gekommen ist, ob der Säugling gefahrlos mit der Giftschlange spielt (Jes. 11,8), ob Wolf und Lamm sich gefahrlos umarmen (Jes. 11,6; 65,25), ob die Schwerter zu Pflugscharen geschmiedet sind (Jes. 2,4), ob alle satt werden und niemand stirbt, bevor er die Hundert erreicht hat (Jes. 65-23)“.

Er zitiert die großen Verheißungen aus dem Alten Testament. Es sind Bilder einer besseren Welt ohne das ganze Leid. Von einer Welt, die aber immer noch nicht da ist. Es ist der Schmerz, den auch wir aushalten müssen und für den wir nicht andere Glaubensgeschwister verantwortlich machen dürfen. Jesus Christus ist für uns das Licht der Welt. In ihm haben wir Trost und Zuversicht. Er hat uns die Frohe Botschaft in die Welt gebracht. Die endgültige Erfüllung steht jedoch noch aus - für Christen wie für Juden. Es bleibt etwas offen. Paulus nennt es den geheimnisvollen Plan Gottes. Aus den alten Schriften übernimmt er die Vision von der Völkerwallfahrt zum Zion, in der eines Tages alle Völker im Schalom Gottes zusammengeführt werden. In dieser Vision liegt auch unsere Hoffnung, zu der wir ausgerichtet sind. Als Kinder Gottes, welchen Glaubens auch immer.

Diese Vision ist es auch, die uns die Möglichkeiten eröffnet, trotz großer Verschiedenheiten Friedensstifter zu sein und uns zu versöhnen. Unsere jüdischen Brüder und Schwestern sind ebenso Kinder und Erben Abrahams. So wie Du es bist. So wie ich es bin. Und ich danke Gott, dass ich durch Christus teilhaben darf an der langen Geschichte mit seinen Kindern. Und dass er sich aller erbarmen will.

Amen


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