Predigt zum Karfreitag
von Pfarrerin Carmen Schneider


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Gott ist auch hier und heute bei uns


Foto: Lotz

In diesem Menschen am Kreuz war und ist Gott! Das ist doch eine ungeheure und fast unfassbare Vorstellung. Im schlimmsten Leiden ist Gott dabei. Wie groß und häßlich Leiden sein kann, zeigt die Darstellung des Gekreuzigten. Die Hände vor Schmerz verkrampft. Der Körper ausgemergelt und voller Wunden.

Im Tod am Kreuz leidet Gott mit der gequälten Kreatur, löst der Theologe Jürgen Moltmann unser mögliches Unverständnis an diesem Gottesbild auf. Gott ist auch bei uns hier und heute, wenn wir derzeit unter der schrecklichen Corona-Seuche leiden. Wenn Menschen unter Atemnot um ihr Leben kämpfen. Ich darf sogar darauf vertrauen, dass solch ein Gott auch bei den Menschen ist, die sterben, wenn noch nicht einmal ein naher Angehöriger dabei sein darf. Er wird auch die weiter führen ( im Verständnis, im Ertragen etc.) die als „Gesunde“ zur Kontaktsperre genötigt sind. Die womöglich ihr Leben nicht mehr verstehen, weil es derzeit komplett aus den Angeln gehoben wird. Weil nichts mehr selbstverständlich von dem ist, was war.

Unser Leben auf der Erde, mit all dem, was derzeit an Unsäglichem geschieht, ist noch nicht vollbracht! Wir stecken noch mitten drin. Die vielen Kreuze, die wir tragen, sind noch nicht überwunden, auch wenn der Hoffnungsschimmer von Ostern schon aufblitzt.

Ein Lamm, das ein Kreuz trägt, steht zu Füßen des Johannes. „Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt“, heißt es in unserer Abendmahlsliturgie. Mit dem Begriff der Erbsünde, die zwischen dem Menschen und Gott steht, können die meisten nicht mehr viel anfangen. Die jedes Unglück womöglich als Folge dieser Sünde sieht. Oder schlimmer noch: als Strafe. Dagegen hat schon Hiob im Alten Testament (zu Recht, wie ich glaube) protestiert.

Jedoch wird uns momentan sehr deutlich vor Augen geführt, dass wir endlich sind. Das macht große Angst. Wir werden auch stärker an Gefühle wie Verlassenheit herangeführt. Gerade jetzt, wo wir in Kontaktsperre sind. Wo waren wir davor so sehr in einem Hamsterrad gefangen, dass wir die sozialen Kontakte nur unzureichend gepflegt haben? Wir erfahren in dieser Situation vermutlich auch stärker, womit und mit wem wir nicht versöhnt sind augenblicklich. Das tut weh.

Wenn wir nicht versöhnt sind, dann ist meistens etwas vorgefallen, was zwei Menschen auseinander brachte. Vermutlich ist daran nicht einer allein schuld. Ein klärendes Gespräch wäre gut, um zu verstehen, worin die Störung der Beziehung lag. Normalerweise tauschen sich zwei Menschen oder zwei Parteien aus.

 

Licht am Ende des Tunnels


In der Botschaft vom heilenden Geschehen am Kreuz, geht der Tauschhandel von Gott aus. Er, der von keiner Sünde wusste, hat sich für uns aus lauter Liebe hingegeben. Damit wir von dem befreit leben können, was uns auf der Seele lastet. Und worin wir oft so unversöhnlich sind. Aber was ist, wenn wir uns selbst von Gott nichts schenken lassen wollen? Wenn wir auf einem richtigen „Schlagabtausch“ mit Gott bestehen, weil wir drängende Fragen an Gott haben? Oder weil wir mit ihm hadern und nicht verstehen, was da um uns gerade geschieht? Selbst da sagt uns die Botschaft von der Selbsthingabe von Jesus Christus am Kreuz, dass wir Gott unser „ganzes Paket“ vor die Füße stellen dürfen. Ihm unsere Wut und unseren Schmerz zumuten dürfen. Es ihm klagen dürfen, in der Hoffnung, dass er uns hört und uns das Licht am Ende des Tunnels zeigt.


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