Predigt zum Hirtensonntag
von Pfarrerin Carmen Schneider


[Predigt, Teil 1] - [Predigt, Teil 2]

Eine Gesellschaft im Hamsterrad


Ich spüre mehr und mehr, dass auch ich ganz schön im Hamsterrad gelaufen war. Nun komme ich zum Aufräumen, wende mich der Ablage zu (60 cm hoch) und werde mich noch dem Schreiben der Chronik widmen, was eine meiner Dienstaufgaben ist (aber bei den meisten Pfarrern eher nicht so sehr beliebt ist).

Ich gehe auch in den Ort, meist mit Hündin Ida und komme mit den Menschen - auf Abstand - ins Gespräch. Wir lachen und wir tauschen Geschichten aus.

Ich, die kaum ruhig sitzen kann, habe viel Zeit zum Nachdenken. Mir fällt auf, wie sehr getrieben ich innerlich war. Sicherlich manches Mal am Ziel vorbeigeschossen bin vor lauter Umtriebigkeit. Es ist mehr Ruhe und Gelassenheit eingekehrt.

Ich möchte das jetzt nicht so verstanden wissen, dass Corona noch gar als Therapeutikum verstanden wird. Dafür beschäftigen mich die Bilder der betroffenen, schwer an der Krankheit leidenden Menschen zu sehr. Oder ich bange mit den Kleinunternehmern um deren Existenz. Ich bin betroffen von dem wirtschaftlichen Kollateralschaden der Menschen in einem Land des reinen Kapitalismus wie den USA. Oder ich sehe das Chaos mancher Familien, die es einfach nicht mehr aushalten, so eng aufeinander zu sitzen. Das alles weiß ich und es berührt mich sehr. Hier braucht es klar Konzepte und Lösungen, um weiteren Schaden von den Menschen abzuwenden.

Halt an, wo läufst du hin?


Trotzdem stehe ich verwundert vor der Einsicht, dass es ein unsichtbares Ding wie das Coronavirus schafft, uns zum Einhalten zu bringen. Uns zum Nachdenken zu bringen, was zählt im Leben wie im Sterben. Was unsere Prioritäten sind.

Grafik: Leiterer

Es ist zuletzt auch die Einsicht, dass wir in gerade in der Not getragen sind von einer Macht, die höher ist als wir. Wir müssen gar nicht immer so viel auf die eigenen Schultern packen. Wir können gerade in dieser Zeit wieder spüren, dass Gott immer schon unseren Weg mitgelaufen ist. Dass er unser Weggefährte ist - auch in Coronazeiten. Dass er uns ermuntert: bleibt doch mal stehen, haltet ein Schwätzchen. Mir fällt dazu Angelus Silesius ein, der gesagt hat: "Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir. Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für." Tauscht euch darüber aus, was das Leben für euch wertvoll und einzigartig macht. Lauft nicht immer nur davon. Ich, Gott, bin euer guter Hirte, ich halte euch und bin bei euch. Das ist Trost für unsere geplagten Seelen!

In dem Predigttext für den Sonntag heißt es (1. Petrus 2,25): "Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen."

Herzliche Grüße
Ihre Pfarrerin Carmen Schneider

 


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