Predigt zum Hirtensonntag

von Pfarrerin Carmen Schneider

(eingestellt am 24. April 2020)

[Predigt, Teil 1] - [Predigt, Teil 2]

Liebe Leserin und lieber Leser,


Carmen Schneider

Pfarrerin der Evangelischen Auferstehungsgemeinde Kriftel

der kommende Sonntag ist der sogenannte Hirtensonntag. Miserikordias Domini heißt er im Kirchenjahr, die Barmherzigkeit des Herrn.

Vor Jahren bin ich in Nordholland ausgiebig geradelt. Als ich so auf meiner Genusstour durch die Landschaft fuhr, sah ich einen Hirten mit seinen friedlich grasenden Schafen. Seitdem ist dieses Bild für mich ein Ausdruck von Idylle pur, besetzt mit einem Gefühl von Wehmut. Wo gibt es denn noch diese idyllischen Bilder, einhergehend mit den eher ruhigen und entspannten Lebenserfahrungen? Besonders in unserem Rhein-Main-Gebiet ist das doch alles Fehlanzeige.

Viel später habe ich dann in der Frankfurter Sonntagszeitung von einem Wanderschäfer gelesen, der gerade wegen seiner Berufsbedingungen (dauernd unterwegs, immer in Verantwortung für die Tiere, wenig Möglichkeit zu sozialen Kontakten) unter einem Burnout litt.

 

Was sagt uns die Philosophie dahinter?

  • Die Dinge dahinter müssen nicht unbedingt so sein, wie es zunächst von außen betrachtet wirkt.
  • Ein Schäfer zu sein mit einer Schafherde ist keine Garantie für ein entspanntes und erfülltes Leben.
  • Im Rhein-Main-Gebiet zu wohnen mit seinen Turbulenzen kann einen dennoch zu einem ausgeglichenen Leben führen.
  • Es kommt doch bei allem mehr auf die innere Haltung dazu an, im Leben überhaupt, im Glauben umso mehr.

Wieso erzähle ich Ihnen das alles vor dem Hirtensonntag?


Grafik: Leiterer

Wir Pfarrer und Pfarrerinnen sind ebenfalls Hirten. Pastor heißt nichts anderes als Hirte. Eine große deutsche Tageszeitung zitierte um Ostern herum: "Hirten ohne Herde". Da auch ich in dieser Corona-Zeit eine emotionale Achterbahn durchlaufe, ergriff mich dieser Titel sofort. Die Tränen schossen mir in die Augen. Ich konnte gar nichts dagegen tun.

Es ist für mich sehr ungewohnt, keine Gottesdienste mit meiner Gemeinde in der Kirche feiern zu können. Ich liebe die Begegnungen und die Interaktion mit den Menschen im Gottesdienst. Inzwischen kenne ich auch die meisten der Gottesdienstbesucher. Wir wissen einiges voneinander. Ich kenne das Weh und Ach von so manchen, sowie deren Freuden. Da schafft Nähe und Vertrautheit. Gemeinsam stellen wir uns unter Gottes Wort und seinen Segen.

Die Tiefe und Nähe, die bei den Seelsorgegesprächen besteht, erlebe ich ebenso als bereichernd. Ich empfinde es als großes Vertrauen, dass wir die Lebensgeschichten miteinander teilen.
Das alles gibt es zu Zeiten des Coronavirus, zumindest in der bekannten Form, nicht mehr. Was machen nun die Hirten ohne Herde? Lassen sie etwa ihre Herde im Stich? So könnte man es nach der Überschrift aus der Zeitung vermuten.

Als beruhigend habe ich es erfahren, dass mich etliche Gemeindeglieder nach den ersten Briefen, die wir verteilten anriefen, sich bedankten und mir meist munter sagten, dass es ihnen gut geht und sie prima versorgt sind.

Selbst Trauer- oder Seelsorgegespräche klappen am Telefon. Die Erfahrung eines YouTube Gottesdienstes war, wenngleich kein Ersatz für die gemeinsamen Gottesdienste in der Kirche, doch eine interessante neue Erfahrung. Nach den anfänglichen Irritationen, komme auch ich nun mehr zur Ruhe. Es sind aber auch nicht mehr so viele, sich täglich ändernde, Anweisungen umzusetzen.

 


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