Predigt von Pfarrerin Carmen Schneider

zum Sonntag Judika

(eingestellt am 26. März 2020)

[Predigt, Teil 1] - [Predigt, Teil 2] - [Predigt, Teil 3] - [Meditation]


Liebe Schwestern und Brüder,


Carmen Schneider

Pfarrerin der Evangelischen Auferstehungsgemeinde Kriftel

seit dem letzten Montag sitzen die meisten von uns in unseren Wohnungen und Häusern fest. Wir versuchen uns und die am meisten Gefährdeten, die älteren Menschen und diejenigen mit Vorerkrankungen, vor der Ansteckung mit dem Corona-Virus zu schützen. Wir sind alle angehalten zu helfen, die Ausbreitung der heimtückischen Erkrankung zu verlangsamen, damit nicht alle gleichzeitig krank werden. Damit den dann Erkrankten weiterhin angemessene medizinische Behandlung zur Verfügung stehen wird. In der Hoffnung, dass durch unsere Vorsichtsmaßnahmen genügend Zeit bleibt, ein Impfmittel gegen das Virus zu entwickeln.

Da wir jedoch keine Ausgangssperre haben, ist das Leben in den Straßen Kriftel zwar verlangsamt, aber es tut sich doch noch einiges: Beim Gassi gehen mit Hündin Ida sehe ich andere Hundehalter und wir können von einer zur anderen Straßenseite miteinander reden. Nachbarn unterhalten sich über den Gartenzaun. Ich komme ins Gespräch mit denjenigen, die gerade aus ihren Fenstern schauen. Ich sehe ganze Familien mit ihren Kindern Rad fahren oder mit den Rollern unterwegs sein. Etliche Leute widmen sich gerade jetzt der Pflege ihres Gartens und hacken oder jäten Unkraut.

 

Trügerisches Idyll


Das hört sich alles noch halbwegs idyllisch an. Natürlich kenne ich auch die anderen Geschichten oder mache mir durch die Berichterstattungen in den Medien ein ungefähres Bild davon, was sich in den Wohnungen, den Pflegeeinrichtungen oder gar den Krankenhäusern jetzt alles abspielt. Da ist dann ganz schnell Schluss mit lustig.

Wenn ich allein die Situation in Kriftel anschaue: Ich mache mir Sorgen um die vielen alten Menschen, die jetzt allein in ihren Wohnungen sitzen. Die womöglich nicht an den ganzen Online-Angeboten partizipieren können, weil ihnen diese Technik eben nicht zur Verfügung steht. Die mit ihren Ängsten selbst zurechtkommen müssen und keinen in unmittelbarer Nähe haben, mit dem sie ihre Gedanken austauschen können.

Es gibt herzzerreißende Geschichten von Menschen in den Altenheimen, die notwendigerweise abgeschirmt werden. Die Menschen draußen können nicht mehr direkt mit ihren Angehörigen in Kontakt treten. Ich weiß von Ehepaaren, die so auseinander gerissen sind. Ganz schwierig wird es, wenn der im Heim lebende Partner die ganze Situation nicht mehr begreifen kann. Unendlich unter der Kontaktsperre leidet. Die Menschen „außen vor“ sich schlecht fühlen, weil sie hilflos sind und nicht mehr zu Besuch dürfen.

Oder die Familien mit den kleinen Kindern auf engem Raum. Was passiert, wenn die Runde auf der Straße vorüber ist und man in einer eventuell engen Wohnung aufeinander hockt? Wenn die Kinder quengeln oder Spannungen zwischen den Eheleuten in dieser Situation besonders hoch kommen? Es womöglich zu aggressivem Verhalten kommt, die einzelnen aber derzeit aneinander gefesselt sind?

Was geschieht gerade mit den Menschen, die sowieso unter psychischen Problemen leiden? Die ganze Gesellschaft kann derzeit kaum Rücksicht darauf nehmen, weil wir alle, ähnlich wie in einer Kriegssituation, auf Überlebensmodus gepolt sind. Es geht ja schließlich um Leben und Tod.

Unsere Gesellschaft ist dabei in ihren bisherigen Selbstverständlichkeiten bedroht, wie sich das die meisten unter uns in ihren schlimmsten Gedanken nicht vorstellen konnten. Zumindest die nicht, die nach dem Krieg geboren wurden. Es ist für uns alle die größte Herausforderung seit dem 2. Weltkrieg, wie es in den Medien immer wieder heißt.


weiter »


» Andachten/Predigten/Gottesdienste
» Startseite